Und es geht doch: Ohne formale Ausbildung zur beruflichen Anerkennung. Das Projekt ValiKom leistet Pionierarbeit

Die Aus- und Weiterbildung ist in Deutschland besonders stark formalisiert. Für Unternehmen bietet das durchaus viele Vorteile: Bewirbt sich eine Fachkraft, können sie anhand der Aus- und Weiterbildungszeugnisse präzise einschätzen, über welche Qualifikationen und Fertigkeiten die Person verfügt.

Die “Zertifikatskultur“ hat jedoch auch ihre Kehrseiten. Wer seine Qualifikationen nicht schriftlich nachweisen kann, hat es auf dem Arbeitsmarkt oft schwer. Das betrifft häufig Migrantinnen und Migranten, die ihre berufliche Qualifikation in einem Land erworben haben, in dem die Berufsbildung weniger formalisiert ist als in Deutschland – und das sind nicht wenige.

In vielen Ländern findet die Ausbildung beispielsweise im Familienbetrieb statt – also auf informellem Weg – oder in privaten Bildungseinrichtungen, die staatlich nicht anerkannt sind (non-formaler Weg). Ein 37-jähriger Syrer zum Beispiel hat sich im elterlichen Betrieb durch »Learning bei Doing« zum Produktdesigner gebildet und war anschließend zehn Jahre in diesem Beruf tätig. Vor zwei Jahren kam er nach Deutschland. Und da er seine Berufserfahrung nicht mit Dokumenten belegen konnte, hatte er anfangs große Schwierigkeiten eine Stelle als Produktdesigner zu bekommen.

Wie können Personen ohne formalen (ausländischen) Berufsabschluss ihre beruflichen Kompetenzen zukünftig anerkennen lassen? Das wird derzeit im Projekt ValiKom erprobt. Das Projektteam hat ein Verfahren entwickelt, mit dem die Handwerkskammern oder Industrie- und Handelskammern sogenannte non-formal und informell erworbene Kompetenzen zertifizieren können.

Mithilfe handlungsorientierter Aufgaben aus dem Berufsalltag können die Fachleute in den Kammern feststellen, inwieweit eine Person über die nötigen beruflichen Kompetenzen verfügt. Berufsexperten und -expertinnen beobachten und bewerten z.B. im Rahmen einer Arbeitsprobe, wie die Person eine Aufgabe ausführt. Alternativ können sie auch ein Fachgespräch führen oder eine Probearbeit in einem Betrieb durchführen lassen. Auch Rollenspiele und Gesprächssimulationen oder Fallstudien können – je nach Beruf und Tätigkeitsbereich – eingesetzt werden.

Am Ende des Verfahrens wird den Teilnehmenden abhängig vom Ergebnis eine volle bzw. teilweise Gleichwertigkeit mit einem Berufsabschluss bescheinigt. Hierfür stellt die Kammer ein entsprechendes Validierungszertifikat aus.

Ein solches Validierungszertifikat hat der bereits erwähnte Syrer kürzlich von seiner Kammer, der IHK Halle-Dessau, erhalten. Nachdem er die zwei Berufsexpertinnen in einer zweitägigen Fremdbewertung von seinem Können überzeugen konnte, wurde ihm die Gleichwertigkeit seiner Kompetenzen mit dem Beruf »Technischer Produktdesigner« formal bescheinigt. Das eröffnet ihm ganz neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.

Am Verfahren können Personen teilnehmen, die mindestens 25 Jahre alt sind und über Berufserfahrung verfügen, hierfür aber keinen Berufsabschluss vorweisen können. Die Berufserfahrung kann sowohl im In- als auch im Ausland erworben worden sein.

Zielgruppe des Verfahrens, das im Projekt ValiKom entwickelt wurde.

Bereits während der Erprobungsphase des BMBF-geförderten Projekts (März 2017 bis März 2018) können Personen an dem Verfahren teilnehmen. Folgende Kammern sind derzeit an der Erprobung beteiligt und suchen Teilnehmende:

  • Handwerkskammer Dresden
  • Handwerkskammer Hannover
  • Handwerkskammer für München und Oberbayern
  • Handwerkskammer Münster
  • Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau
  • Industrie- und Handelskammer zu Köln
  • Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern
  • Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart

Sie beschäftigen Mitarbeitende, für die eine Teilnahme an dem Verfahren interessant wäre? Dann nehmen Sie bitte Kontakt mit den jeweiligen Ansprechpartner/innen der Kammern auf.

Weitere Informationen zum Verfahren und dem Projekt »ValiKom« erhalten Sie hier:
www.validierungsverfahren.de


Tina Rapp arbeitet beim Westdeutschen Handwerkskammertag. Sie ist Projektleiterin des Projekts »ValiKom«.