Der Berufsanerkennung die Komplexität nehmen: Warum sich das Erstberatungsgespräch lohnt

Wer sich für die berufliche Anerkennung interessiert, kann vom Angebot eines kostenlosen Erstberatungsgesprächs Gebrauch machen – beispielsweise bei seiner Kammer vor Ort.

Im Interview mit »Unternehmen Berufsanerkennung« erzählen Christiane Philipp (Anerkennungsberaterin bei der Handwerkskammer Erfurt) und Alexander Friedrich (Anerkennungsberater bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken), warum es sich für Anerkennungssuchende und Unternehmen lohnt, eine Erstberatung in Anspruch zu nehmen.

Herr Friedrich, Frau Philipp, Sie sind als Anerkennungsberater auch für die Erstberatungsgespräche in ihren jeweiligen Kammern zuständig. Worum geht es in der Erstberatung?

Alexander Friedrich: In der Erstberatung prüfen wir zunächst, ob es sich um einen Beruf im Zuständigkeitsbereich der IHKs handelt oder ob beispielsweise die Kollegen von der Handwerkskammer zuständig sind. Wenn es sich um einen IHK-Beruf handelt, wird gemeinsam geprüft, welche Berufsbiographie – Ausbildung, Berufserfahrung, Weiterbildung – der Antragsteller hat und welcher deutsche Referenzberuf für eine Gleichwertigkeitsprüfung in Betracht kommt. Außerdem werden die Ratsuchenden beim Ausfüllen des Antragsformulars unterstützt und informiert, welche Dokumente in welcher Form einzureichen sind.

Christiane Philipp: Wichtig ist auch die Frage nach der Finanzierung des Verfahrens. Im Erstberatungsgespräch wird auch geklärt, ob der Antragsstellende Anspruch auf einen Anerkennungszuschuss hat. Gegebenenfalls beantragen wir den Zuschuss dann direkt – das muss nämlich zwingend erfolgen, bevor der Antrag auf Berufsanerkennung gestellt wird.

Mit welchen Fragen kommen Anerkennungsinteressierte zu Ihnen?

Christiane Philipp: Die mit Abstand häufigsten Fragen sind: Welche Unterlagen benötige ich? Wie lang dauert das Verfahren? Und wie hoch sind die Kosten dafür? Wie kann das Verfahren ausgehen und was bedeutet „teilweise Gleichwertigkeit“ und „volle Gleichwertigkeit“? HRIFHEF

Alexander Friedrich: Dazu kommen häufig aber noch individuelle Fragen: Wie stehen meine Chancen auf Anerkennung? Werde ich als Fachkraft mehr verdienen? Kann ich nach all den Jahren in meinen alten Beruf zurückkehren und: ist die Gleichwertigkeitsfeststellung „tatsächlich“ bei den Firmen so anerkannt wie ein in Deutschland erworbener Berufsabschluss?

Ist die Erstberatung ein „Muss“ für Antragsteller/innen? Falls nicht, warum sollten sie das Angebot nutzen?

Alexander Friedrich: Das Angebot ist kein Muss. Durch die Erstberatung kann der Antragsteller aber Aufwand und Nutzen der Antragsstellung besser einschätzen. Auch wissen die Anerkennungsberaterinnen und -berater natürlich sehr genau, worauf es im Antrag ankommt und können noch einmal überprüfen, ob alles vollständig ist. Außerdem stellen wir sicher, dass der Antrag an die richtige Stelle gerichtet wird. Damit können wir einer Ablehnung vorbeugen und sparen dem Antragsteller Zeit und Geld.

Christiane Philipp: Auch wenn das Erstberatungsgespräch nicht verpflichtend ist, raten wir als Handwerkskammer immer dazu, das Angebot wahrzunehmen. Die Berufsanerkennung in Deutschland ist aufgrund der verschiedenen zuständigen Stellen schon recht komplex. Aber wer ein Erstberatungsgespräch aufsucht, muss sich mit der Komplexität gar nicht beschäftigen: das übernehmen die Anerkennungsberaterinnen und -berater. Außerdem können wir natürlich alle offenen Fragen klären, z.B. zu Kosten und Dauer des Verfahrens.

Wie häufig kommen Unternehmensvertreter/innen in Ihre Beratung und mit welchen Anliegen bzw. Fragen?

Christiane Philipp: Ungefähr jedes dritte Erstberatungsgespräch findet mit Unternehmensvertretern statt. Letztlich kommen die Unternehmen meist mit den gleichen Fragen wie die potenziellen Antragssteller auch. Unternehmen interessiert natürlich auch, wie sehr ein Anerkennungsverfahren den Betrieb belastet, also wie oft die Fachkraft beispielsweise für Termine freigestellt werden muss. Da können wir dann häufig Sorgen nehmen und Vorbehalte ausräumen. Und vereinzelt kommen auch Unternehmen zu uns, die gerne eine Bewerberin oder einen Bewerber mit Berufsanerkennung einstellen möchten und noch Fragen zum Anerkennungsbescheid haben.

Alexander Friedrich: Auch bei uns melden sich ab und an Betriebe, die ich dann gerne auch vor Ort berate. Meist geht es in solchen Beratungen um Mitarbeiter oder Bewerber mit einem ausländischen Abschluss und die Frage, wie damit umzugehen sei. Häufiger kommen Nachfragen von Unternehmen der Elektrotechnik, ob ein Bewerber eingestellt werden könne und ein Anerkennungsverfahren den Bewerber zu einer Elektrofachkraft mache.

Im Film: Begleiten Sie Ludger Gödde, Geschäftsführer beim Autohaus Gödde in Schmallenberg, und seinen syrischen Mitarbeiter Nabil Al Khadra zum Erstberatungsgespräch.

Was ist Ihr Anliegen und Anspruch als Anerkennungsberater?

Alexander Friedrich: Wir möchten die Ratsuchenden dahingehend beraten, ob eine Anerkennung für ihre ganz individuelle Lebenssituation eine Verbesserung bringt. Welche Berufschancen bieten sich? Wie ist die Arbeitsmarktrelevanz? Verbessern sich die Einstiegs- und Verdienstmöglichkeiten? Reichen die vorgelegten Dokumente aus? Was bedeutet eine teilweise Gleichwertigkeitsfeststellung für sie oder ihn? In fast allen Fällen lohnt es sich, ein Anerkennungsverfahren anzustoßen, vor allem seitdem es die Zuschussmöglichkeit des Bildungsministeriums gibt.

Christiane Philipp: Für potenzielle Antragstellerinnen und Antragssteller muss das Anerkennungsverfahren am Ende einen Mehrwert haben, z.B. durch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder die Aussicht auf eine besser bezahlte Anstellung. In manchen Fällen geht es auch darum, dass sich eine Fachkraft selbstständig machen will. Gegenüber Unternehmensvertretern zeigen die Berater der Handwerkskammer vor allem auf, inwiefern der Betrieb von der Berufsanerkennung profitiert, z.B. als Beitrag zur Mitarbeiterbindung oder als Grundlage für die strategische Personalplanung und -entwicklung.

Wie geht es nach der Erstberatung weiter?

Christiane Philipp: Wenn die Antragstellung sinnvoll erscheint und alle wichtigen Fragen geklärt sind – insbesondere die Zuständigkeiten, die Finanzierung und die nötigen Unterlagen – geht es für den Antragstellenden darum, alle notwendigen Dokumente zusammenzutragen. Das kann im konkreten Fall bedeuten, dass einzelne Unterlagen – z.B. Arbeitszeugnisse vormaliger Arbeitgeber – neu beschafft werden müssen.

Alexander Friedrich: Wichtig ist, dass Unterlagen wie beispielsweise das Ausbildungszeugnis nicht im Original eingereicht werden. Deshalb müssen vorher Kopien angefertigt und beglaubigt werden. Diese werden dann zusammen mit dem Antrag bei der Anerkennungsstelle eingereicht. Im IHK-Bereich erhält der Antragstellende dann nach ca. zwei Wochen eine Bestätigung der IHK FOSA, dass der Antrag geprüft werden kann. Mit der Bestätigung wird auch der Gebührenbescheid versandt. Sobald die Gebühr überwiesen ist, beginnt die Anerkennungsstelle mit der Arbeit. Innerhalb von 3 Monaten wird dann über die Anerkennung beschieden.

Frau Philipp, Herr Friedrich, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Wie geht eine zuständige Stelle wie die IHK FOSA eigentlich vor, um die Gleichwertigkeit festzustellen? Ein Blick hinter die Kulissen.

– von Stephan Treu

Seit über fünf Jahren haben Fachkräfte mit einem ausländischen Berufsabschluss die Möglichkeit, ihre berufliche Qualifikation in Deutschland anerkennen zu lassen. Grundlage dafür ist das sogenannte Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG). Es ermöglicht, einen ausländischen Berufsabschluss nach einem vorgegebenen Verfahren mit dem entsprechenden deutschen Beruf zu vergleichen. Das Anerkennungsverfahren steht jeder Fachkraft offen, sofern sie einen ausländischen Berufsabschluss erworben hat, wie ihn das BQFG definiert. Der Antrag kann auch aus dem Ausland gestellt werden.  Wie der Vergleich einer ausländischen Ausbildung mit dem deutschen Referenzberuf vorzunehmen ist, legt das BQFG verbindlich fest:

Ausländische Fachkräfte, die ihren Berufsabschluss in Deutschland anerkennen lassen wollen, wenden sich in der Regel an die Kammer oder Behörde, die für die Berufsausbildung bzw. den Berufszugang des jeweiligen deutschen Berufes zuständig ist, mit dem der ausländische Ausbildungsabschluss verglichen werden soll. Ist der ausländische Bildungsabschluss beispielsweise mit einem Aus- oder Fortbildungsabschluss aus den IHK-Bereichen Industrie, Handel, Gastronomie oder Dienstleistungen vergleichbar, übernimmt die IHK FOSA das Feststellungsverfahren. Sie ist als Zusammenschluss von 76 Industrie- und Handelskammern zentral und bundesweit für die Gleichwertigkeitsfeststellung bei IHK-Berufen zuständig. In diesem Jahr blickt die IHK FOSA bereits auf fünf Jahre Erfahrung mit der Anwendung des Anerkennungsgesetzes zurück.

Das Anerkennungsverfahren beginnt immer mit einem Antrag bei der zuständigen Stelle.  Diesem müssen weitere Dokumente beigelegt werden, dazu gehört neben dem ausgefüllten und unterschriebenen Antragsformular insbesondere eine beglaubigte Kopie des Abschlusszeugnisses der Ausbildung. Wichtig ist, dass die Ausbildung im Ausland abgeschlossen und der Berufsabschluss staatlich anerkannt ist.

Die IHK FOSA ist als Zentralstelle von insgesamt 76 Industrie- und Handelskammern für die Berufsanerkennung im IHK-Bereich zuständig.

Nach Eingang des Antrags prüft die zuständige Stelle die Unterlagen auf Vollständigkeit. Fehlen Informationen, erhalten die Antragstellenden einen Brief mit der Bitte, bestimmte Nachweise noch einzureichen. Parallel wird auch der Gebührenbescheid versendet, in dem steht, welche Gebühr für das Verfahren bezahlt werden muss.

Liegen alle für das Verfahren notwendigen Informationen vor, beginnt die zuständige Stelle mit der Gleichwertigkeitsfeststellung, dem Herzstück des Anerkennungsverfahrens: Sie vergleicht die ausländische Berufsqualifikation mit dem deutschen Referenzberuf. Dabei gibt es zwei wichtige Kriterien: die Dauer und der Inhalt der ausländischen Ausbildung im Vergleich zur aktuellen deutschen Ausbildungsordnung.

Ergeben sich dabei keine wesentlichen Unterschiede, liegt eine volle Gleichwertigkeit vor. Bestehen wesentliche Unterschiede, beurteilt die zuständige Stelle im nächsten Schritt, ob diese durch nachgewiesene, einschlägige Berufserfahrung oder mit anderen Nachweisen – beispielsweise über Weiterbildungen – ausgeglichen werden können. Ist dies nicht der Fall, endet die Gleichwertigkeitsfeststellung mit einer teilweisen Gleichwertigkeit. Antragstellende haben dann die Möglichkeit, die Unterschiede durch gezielte Anpassungsqualifizierung (z.B. Praxiszeiten, Berufserfahrung, Weiterbildungen) innerhalb von 5 Jahren nachzuholen und danach einen Folgeantrag zu stellen, um die volle Gleichwertigkeit ihres Abschlusses zu erhalten.

Manchmal besitzen Antragsstellende nicht alle notwendigen Unterlagen und können sie auch nicht neu beschaffen. In diesen Fällen sieht das Anerkennungsgesetz die Möglichkeit einer Qualifikationsanalyse vor: Antragstellende können praktisch (z.B. mittels Fachgespräch, Arbeitsprobe, Probearbeit im Betrieb) nachweisen, dass sie über berufliche Qualifikationen verfügen, die mit einem deutschen Referenzberuf vergleichbar sind.

Wenn das Anerkennungsverfahren abgeschlossen ist, erhalten die Antragsstellenden darüber einen schriftlichen Bescheid. Dieser listet genau auf, welche beruflichen Kompetenzen vorhanden sind und welche gegebenenfalls noch fehlen. Der Bescheid macht das Gesamtprofil der bzw. des Antragstellenden transparent und übersetzt eine ausländische Ausbildung damit in das deutsche duale Ausbildungssystem.

Von der Anerkennung profitieren neben Fachkräften auch Unternehmen, da sie Personalverantwortlichen eine bessere Einschätzung ausländischer Berufsqualifikationen ermöglicht: Ein Bescheid über die Gleichwertigkeitsfeststellung trägt dazu bei, im Unternehmen vorhandene Potenziale zu heben und Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Auch für gezielte Weiterbildungen kann der Bescheid als Grundlage dienen.


Stephan Treu ist Kommunikationsreferent bei der IHK FOSA.

Themenreihe Anerkennungsverfahren

Nachdem wir in den vergangenen vier Wochen die berufliche Anerkennung als Instrument der Fachkräftesicherung in den Blick genommen, startet heute unsere neue Themenreihe: Bis Ende September dreht sich bei uns alles um das Anerkennungsverfahren.

  • Wie ist die berufliche Anerkennung in Deutschland eigentlich geregelt?
  • Wie werden ausländische Berufsqualifikationen bewertet?
  • Wie lassen sich im Ausland erworbene informelle Kompetenzen bewerten?
  • Kann man die Anerkennung auch im Ausland beantragen?
  • Seit wann und wieso haben wir eigentlich das „Anerkennungsgesetz“?

Diese und viele weitere Fragen beantworten unsere Fach- und Praxispartner: Anerkennung in Deutschland, Autohaus Gödde, IHK FOSA Le Méridien Grand Hotel Nürnberg, ProRecogition, Valikom und andere.

Freuen Sie sich auf so informative wie spannende Wochen mit und bei Unternehmen Berufsanerkennung. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

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Wie läuft das Anerkennungsverfahren ab? Eine Infografik des NETZWERKs Unternehmen integrieren Flüchtlinge