Und es geht doch: Ohne formale Ausbildung zur beruflichen Anerkennung. Das Projekt ValiKom leistet Pionierarbeit

Die Aus- und Weiterbildung ist in Deutschland besonders stark formalisiert. Für Unternehmen bietet das durchaus viele Vorteile: Bewirbt sich eine Fachkraft, können sie anhand der Aus- und Weiterbildungszeugnisse präzise einschätzen, über welche Qualifikationen und Fertigkeiten die Person verfügt.

Die “Zertifikatskultur“ hat jedoch auch ihre Kehrseiten. Wer seine Qualifikationen nicht schriftlich nachweisen kann, hat es auf dem Arbeitsmarkt oft schwer. Das betrifft häufig Migrantinnen und Migranten, die ihre berufliche Qualifikation in einem Land erworben haben, in dem die Berufsbildung weniger formalisiert ist als in Deutschland – und das sind nicht wenige.

In vielen Ländern findet die Ausbildung beispielsweise im Familienbetrieb statt – also auf informellem Weg – oder in privaten Bildungseinrichtungen, die staatlich nicht anerkannt sind (non-formaler Weg). Ein 37-jähriger Syrer zum Beispiel hat sich im elterlichen Betrieb durch »Learning bei Doing« zum Produktdesigner gebildet und war anschließend zehn Jahre in diesem Beruf tätig. Vor zwei Jahren kam er nach Deutschland. Und da er seine Berufserfahrung nicht mit Dokumenten belegen konnte, hatte er anfangs große Schwierigkeiten eine Stelle als Produktdesigner zu bekommen.

Wie können Personen ohne formalen (ausländischen) Berufsabschluss ihre beruflichen Kompetenzen zukünftig anerkennen lassen? Das wird derzeit im Projekt ValiKom erprobt. Das Projektteam hat ein Verfahren entwickelt, mit dem die Handwerkskammern oder Industrie- und Handelskammern sogenannte non-formal und informell erworbene Kompetenzen zertifizieren können.

Mithilfe handlungsorientierter Aufgaben aus dem Berufsalltag können die Fachleute in den Kammern feststellen, inwieweit eine Person über die nötigen beruflichen Kompetenzen verfügt. Berufsexperten und -expertinnen beobachten und bewerten z.B. im Rahmen einer Arbeitsprobe, wie die Person eine Aufgabe ausführt. Alternativ können sie auch ein Fachgespräch führen oder eine Probearbeit in einem Betrieb durchführen lassen. Auch Rollenspiele und Gesprächssimulationen oder Fallstudien können – je nach Beruf und Tätigkeitsbereich – eingesetzt werden.

Am Ende des Verfahrens wird den Teilnehmenden abhängig vom Ergebnis eine volle bzw. teilweise Gleichwertigkeit mit einem Berufsabschluss bescheinigt. Hierfür stellt die Kammer ein entsprechendes Validierungszertifikat aus.

Ein solches Validierungszertifikat hat der bereits erwähnte Syrer kürzlich von seiner Kammer, der IHK Halle-Dessau, erhalten. Nachdem er die zwei Berufsexpertinnen in einer zweitägigen Fremdbewertung von seinem Können überzeugen konnte, wurde ihm die Gleichwertigkeit seiner Kompetenzen mit dem Beruf »Technischer Produktdesigner« formal bescheinigt. Das eröffnet ihm ganz neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.

Am Verfahren können Personen teilnehmen, die mindestens 25 Jahre alt sind und über Berufserfahrung verfügen, hierfür aber keinen Berufsabschluss vorweisen können. Die Berufserfahrung kann sowohl im In- als auch im Ausland erworben worden sein.

Zielgruppe des Verfahrens, das im Projekt ValiKom entwickelt wurde.

Bereits während der Erprobungsphase des BMBF-geförderten Projekts (März 2017 bis März 2018) können Personen an dem Verfahren teilnehmen. Folgende Kammern sind derzeit an der Erprobung beteiligt und suchen Teilnehmende:

  • Handwerkskammer Dresden
  • Handwerkskammer Hannover
  • Handwerkskammer für München und Oberbayern
  • Handwerkskammer Münster
  • Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau
  • Industrie- und Handelskammer zu Köln
  • Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern
  • Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart

Sie beschäftigen Mitarbeitende, für die eine Teilnahme an dem Verfahren interessant wäre? Dann nehmen Sie bitte Kontakt mit den jeweiligen Ansprechpartner/innen der Kammern auf.

Weitere Informationen zum Verfahren und dem Projekt »ValiKom« erhalten Sie hier:
www.validierungsverfahren.de


Tina Rapp arbeitet beim Westdeutschen Handwerkskammertag. Sie ist Projektleiterin des Projekts »ValiKom«.

ProRecognition: Anerkennungsberatung schon im Herkunftsland

„Ich bin froh, dass ich an der AHK Vietnam sehr umfassend beraten wurde. So konnte ich problemlos meine Zeugnisbewertung in Deutschland machen lassen. Jetzt kann ich mich mit guten Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt bewerben.“
Quoc Dat Nguyen, Softwarentwickler

Beratung schon im Ausland – gute Vorbereitung zahlt sich aus

Herr Ngyen hat alles richtiggemacht. Er hat in Vietnam Informationstechnologie mit dem Schwerpunkt Softwareentwicklung studiert, ist jung und spricht gut Deutsch. Mit seinem abgeschlossenen Studium möchte er unbedingt in Deutschland arbeiten. Deshalb hat er im Dezember 2016 eine Informationsveranstaltung in Ho-Chi-Minh-Stadt besucht, die ProRecognition an der  dortigen Auslandshandelskammer (AHK Vietnam)* angeboten hat. Dort hat er das erste Mal vom Anerkennungsverfahren in Deutschland gehört. Auch, dass er dieses als Drittstaatler zwingend durchlaufen muss, um ein Arbeitsvisum für Deutschland zu erhalten, war für ihn neu. Daher hat er sich im Februar 2017 noch einmal an die Anerkennungsberaterin der AHK Vietnam gewandt, um sich über seine persönlichen Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu erkundigen. Sie hat ihm erklärt, dass er seinen Bachelorabschluss bei der Zentralställe für ausländisches Bildungswesen (ZAB) in Bonn bewerten lassen muss und ihm geholfen, die dafür notwendigen Unterlagen zusammenzustellen. Gleichzeitig hat die Beraterin ihm empfohlen, sich im Stellenpool der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) eintragen zu lassen und ihn dabei unterstützt. Ende August hielt Her Nguyen die Zeugnisbewertung in den Händen. Perfekt. Er weiß, dass sein Abschluss für einen potenziellen Arbeitgeber nun gut einzuschätzen ist und seine Chancen, einen Job zu finden, gut sind. Entsprechend selbstbewusst bewirbt er sich inzwischen auch. Wenn er ein Jobangebot hat, wird er die Bluecard beantragen. Das ist die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis der EU für Fachkräfte aus Drittländern, vergleichbar mit der Green Card in den USA – auch das hat ihm die Anerkennungsberaterin bei der AHK erklärt.

Bereit für neue Perspektiven in Deutschland: Quoc Dat Nguyen hat seinen Beruf erfolgreich anerkennen lassen. Sobald er ein Jobangebot erhält, kann er die Bluecard für die Einreise in die EU beantragen.

Pro Recognition bietet in acht AHKs Beratung zur Anerkennung an

Neben Vietnam wurden 2015 auch bei der AHK in Ägypten, China, Iran, Italien, Indien, Marokko und Polen Beratungsstellen eingerichtet. Im Rahmen eines dreijährigen Projekts, das vom BMBF gefördert und vom DIHK umgesetzt wird, wird dort interessierten Menschen Beratung, Begleitung und Unterstützung zu allen Fragen des Anerkennungsverfahrens angeboten. Dazu haben die Anerkennungsberater/innen ein enges Netzwerk zu Institutionen und Organisationen in ihren Herkunftsländern und in Deutschland geknüpft. Inzwischen wurden über 1.600 Personen beraten. Wie viele von diesen genau einen Antrag auf Prüfung der Gleichwertigkeit in Deutschland gestellt haben, lässt sich nicht exakt feststellen. 25 Personen haben inzwischen ihren Gleichwertigkeitsbescheid bzw. die Zeugnisbewertung an die AHK zurückgemeldet.

Immer noch ein langer Weg

So leicht wie bei dem vietnamesischen Softwareentwickler ist der Weg nicht immer. Herr Nguyen hat sich sehr zielstrebig auf Deutschland vorbereitet und während seines Studiums bereits Deutsch gelernt. Inzwischen verfügt er über sehr solide A2-Kenntnisse. Dass man auf dem deutschen Arbeitsmarkt ohne gute Deutschkenntnisse nicht wirklich vorankommt, wird Vielen erst in der Beratung klar. Die Sprachkenntnisse sind von dem eigentlichen Anerkennungsverfahren zwar abgekoppelt, praktisch kann man in vielen Berufen aber nicht arbeiten, wenn man nicht über bestimmte Deutschkenntnisse verfügt. Ohne Sprachkenntnisse gibt es dann keinen Job. Ohne Job keinen Aufenthaltstitel. Und dann?

Qualifizierung vor Ort und in Deutschland

Auch hier helfen die Auslandshandelskammern. Sie halten guten Kontakt zum Goethe-Institut, das Deutschkurse vor Ort anbietet. Mitunter geben sie auch Tipps, mit welcher Qualifizierung aus einer teilweisen Gleichwertigkeit eine volle Gleichwertigkeit gemacht werden kann/welche Qualifizierung man benötigt, um aus einer teilweisen Gleichwertigkeit eine volle Gleichwertigkeit zu machen. Welche Möglichkeiten es dafür gibt, wo man eine solche zu Hause oder in Deutschland beantragen kann und mit welchem Visum man dafür nach Deutschland einreist – diese Fragen beantwortet der/die Berater/In vor Ort.

* Mit AHKs sind hier die deutschen Auslandshandelskammern und Delegationen der Deutschen Wirtschaft gemeint.


Sabine Kotsch ist Projektkoordinatorin beim Projekt ProRecognition.

Der Berufsanerkennung die Komplexität nehmen: Warum sich das Erstberatungsgespräch lohnt

Wer sich für die berufliche Anerkennung interessiert, kann vom Angebot eines kostenlosen Erstberatungsgesprächs Gebrauch machen – beispielsweise bei seiner Kammer vor Ort.

Im Interview mit »Unternehmen Berufsanerkennung« erzählen Christiane Philipp (Anerkennungsberaterin bei der Handwerkskammer Erfurt) und Alexander Friedrich (Anerkennungsberater bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken), warum es sich für Anerkennungssuchende und Unternehmen lohnt, eine Erstberatung in Anspruch zu nehmen.

Herr Friedrich, Frau Philipp, Sie sind als Anerkennungsberater auch für die Erstberatungsgespräche in ihren jeweiligen Kammern zuständig. Worum geht es in der Erstberatung?

Alexander Friedrich: In der Erstberatung prüfen wir zunächst, ob es sich um einen Beruf im Zuständigkeitsbereich der IHKs handelt oder ob beispielsweise die Kollegen von der Handwerkskammer zuständig sind. Wenn es sich um einen IHK-Beruf handelt, wird gemeinsam geprüft, welche Berufsbiographie – Ausbildung, Berufserfahrung, Weiterbildung – der Antragsteller hat und welcher deutsche Referenzberuf für eine Gleichwertigkeitsprüfung in Betracht kommt. Außerdem werden die Ratsuchenden beim Ausfüllen des Antragsformulars unterstützt und informiert, welche Dokumente in welcher Form einzureichen sind.

Christiane Philipp: Wichtig ist auch die Frage nach der Finanzierung des Verfahrens. Im Erstberatungsgespräch wird auch geklärt, ob der Antragsstellende Anspruch auf einen Anerkennungszuschuss hat. Gegebenenfalls beantragen wir den Zuschuss dann direkt – das muss nämlich zwingend erfolgen, bevor der Antrag auf Berufsanerkennung gestellt wird.

Mit welchen Fragen kommen Anerkennungsinteressierte zu Ihnen?

Christiane Philipp: Die mit Abstand häufigsten Fragen sind: Welche Unterlagen benötige ich? Wie lang dauert das Verfahren? Und wie hoch sind die Kosten dafür? Wie kann das Verfahren ausgehen und was bedeutet „teilweise Gleichwertigkeit“ und „volle Gleichwertigkeit“? HRIFHEF

Alexander Friedrich: Dazu kommen häufig aber noch individuelle Fragen: Wie stehen meine Chancen auf Anerkennung? Werde ich als Fachkraft mehr verdienen? Kann ich nach all den Jahren in meinen alten Beruf zurückkehren und: ist die Gleichwertigkeitsfeststellung „tatsächlich“ bei den Firmen so anerkannt wie ein in Deutschland erworbener Berufsabschluss?

Ist die Erstberatung ein „Muss“ für Antragsteller/innen? Falls nicht, warum sollten sie das Angebot nutzen?

Alexander Friedrich: Das Angebot ist kein Muss. Durch die Erstberatung kann der Antragsteller aber Aufwand und Nutzen der Antragsstellung besser einschätzen. Auch wissen die Anerkennungsberaterinnen und -berater natürlich sehr genau, worauf es im Antrag ankommt und können noch einmal überprüfen, ob alles vollständig ist. Außerdem stellen wir sicher, dass der Antrag an die richtige Stelle gerichtet wird. Damit können wir einer Ablehnung vorbeugen und sparen dem Antragsteller Zeit und Geld.

Christiane Philipp: Auch wenn das Erstberatungsgespräch nicht verpflichtend ist, raten wir als Handwerkskammer immer dazu, das Angebot wahrzunehmen. Die Berufsanerkennung in Deutschland ist aufgrund der verschiedenen zuständigen Stellen schon recht komplex. Aber wer ein Erstberatungsgespräch aufsucht, muss sich mit der Komplexität gar nicht beschäftigen: das übernehmen die Anerkennungsberaterinnen und -berater. Außerdem können wir natürlich alle offenen Fragen klären, z.B. zu Kosten und Dauer des Verfahrens.

Wie häufig kommen Unternehmensvertreter/innen in Ihre Beratung und mit welchen Anliegen bzw. Fragen?

Christiane Philipp: Ungefähr jedes dritte Erstberatungsgespräch findet mit Unternehmensvertretern statt. Letztlich kommen die Unternehmen meist mit den gleichen Fragen wie die potenziellen Antragssteller auch. Unternehmen interessiert natürlich auch, wie sehr ein Anerkennungsverfahren den Betrieb belastet, also wie oft die Fachkraft beispielsweise für Termine freigestellt werden muss. Da können wir dann häufig Sorgen nehmen und Vorbehalte ausräumen. Und vereinzelt kommen auch Unternehmen zu uns, die gerne eine Bewerberin oder einen Bewerber mit Berufsanerkennung einstellen möchten und noch Fragen zum Anerkennungsbescheid haben.

Alexander Friedrich: Auch bei uns melden sich ab und an Betriebe, die ich dann gerne auch vor Ort berate. Meist geht es in solchen Beratungen um Mitarbeiter oder Bewerber mit einem ausländischen Abschluss und die Frage, wie damit umzugehen sei. Häufiger kommen Nachfragen von Unternehmen der Elektrotechnik, ob ein Bewerber eingestellt werden könne und ein Anerkennungsverfahren den Bewerber zu einer Elektrofachkraft mache.

Im Film: Begleiten Sie Ludger Gödde, Geschäftsführer beim Autohaus Gödde in Schmallenberg, und seinen syrischen Mitarbeiter Nabil Al Khadra zum Erstberatungsgespräch.

Was ist Ihr Anliegen und Anspruch als Anerkennungsberater?

Alexander Friedrich: Wir möchten die Ratsuchenden dahingehend beraten, ob eine Anerkennung für ihre ganz individuelle Lebenssituation eine Verbesserung bringt. Welche Berufschancen bieten sich? Wie ist die Arbeitsmarktrelevanz? Verbessern sich die Einstiegs- und Verdienstmöglichkeiten? Reichen die vorgelegten Dokumente aus? Was bedeutet eine teilweise Gleichwertigkeitsfeststellung für sie oder ihn? In fast allen Fällen lohnt es sich, ein Anerkennungsverfahren anzustoßen, vor allem seitdem es die Zuschussmöglichkeit des Bildungsministeriums gibt.

Christiane Philipp: Für potenzielle Antragstellerinnen und Antragssteller muss das Anerkennungsverfahren am Ende einen Mehrwert haben, z.B. durch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder die Aussicht auf eine besser bezahlte Anstellung. In manchen Fällen geht es auch darum, dass sich eine Fachkraft selbstständig machen will. Gegenüber Unternehmensvertretern zeigen die Berater der Handwerkskammer vor allem auf, inwiefern der Betrieb von der Berufsanerkennung profitiert, z.B. als Beitrag zur Mitarbeiterbindung oder als Grundlage für die strategische Personalplanung und -entwicklung.

Wie geht es nach der Erstberatung weiter?

Christiane Philipp: Wenn die Antragstellung sinnvoll erscheint und alle wichtigen Fragen geklärt sind – insbesondere die Zuständigkeiten, die Finanzierung und die nötigen Unterlagen – geht es für den Antragstellenden darum, alle notwendigen Dokumente zusammenzutragen. Das kann im konkreten Fall bedeuten, dass einzelne Unterlagen – z.B. Arbeitszeugnisse vormaliger Arbeitgeber – neu beschafft werden müssen.

Alexander Friedrich: Wichtig ist, dass Unterlagen wie beispielsweise das Ausbildungszeugnis nicht im Original eingereicht werden. Deshalb müssen vorher Kopien angefertigt und beglaubigt werden. Diese werden dann zusammen mit dem Antrag bei der Anerkennungsstelle eingereicht. Im IHK-Bereich erhält der Antragstellende dann nach ca. zwei Wochen eine Bestätigung der IHK FOSA, dass der Antrag geprüft werden kann. Mit der Bestätigung wird auch der Gebührenbescheid versandt. Sobald die Gebühr überwiesen ist, beginnt die Anerkennungsstelle mit der Arbeit. Innerhalb von 3 Monaten wird dann über die Anerkennung beschieden.

Frau Philipp, Herr Friedrich, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Wie geht eine zuständige Stelle wie die IHK FOSA eigentlich vor, um die Gleichwertigkeit festzustellen? Ein Blick hinter die Kulissen.

– von Stephan Treu

Seit über fünf Jahren haben Fachkräfte mit einem ausländischen Berufsabschluss die Möglichkeit, ihre berufliche Qualifikation in Deutschland anerkennen zu lassen. Grundlage dafür ist das sogenannte Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG). Es ermöglicht, einen ausländischen Berufsabschluss nach einem vorgegebenen Verfahren mit dem entsprechenden deutschen Beruf zu vergleichen. Das Anerkennungsverfahren steht jeder Fachkraft offen, sofern sie einen ausländischen Berufsabschluss erworben hat, wie ihn das BQFG definiert. Der Antrag kann auch aus dem Ausland gestellt werden.  Wie der Vergleich einer ausländischen Ausbildung mit dem deutschen Referenzberuf vorzunehmen ist, legt das BQFG verbindlich fest:

Ausländische Fachkräfte, die ihren Berufsabschluss in Deutschland anerkennen lassen wollen, wenden sich in der Regel an die Kammer oder Behörde, die für die Berufsausbildung bzw. den Berufszugang des jeweiligen deutschen Berufes zuständig ist, mit dem der ausländische Ausbildungsabschluss verglichen werden soll. Ist der ausländische Bildungsabschluss beispielsweise mit einem Aus- oder Fortbildungsabschluss aus den IHK-Bereichen Industrie, Handel, Gastronomie oder Dienstleistungen vergleichbar, übernimmt die IHK FOSA das Feststellungsverfahren. Sie ist als Zusammenschluss von 76 Industrie- und Handelskammern zentral und bundesweit für die Gleichwertigkeitsfeststellung bei IHK-Berufen zuständig. In diesem Jahr blickt die IHK FOSA bereits auf fünf Jahre Erfahrung mit der Anwendung des Anerkennungsgesetzes zurück.

Das Anerkennungsverfahren beginnt immer mit einem Antrag bei der zuständigen Stelle.  Diesem müssen weitere Dokumente beigelegt werden, dazu gehört neben dem ausgefüllten und unterschriebenen Antragsformular insbesondere eine beglaubigte Kopie des Abschlusszeugnisses der Ausbildung. Wichtig ist, dass die Ausbildung im Ausland abgeschlossen und der Berufsabschluss staatlich anerkannt ist.

Die IHK FOSA ist als Zentralstelle von insgesamt 76 Industrie- und Handelskammern für die Berufsanerkennung im IHK-Bereich zuständig.

Nach Eingang des Antrags prüft die zuständige Stelle die Unterlagen auf Vollständigkeit. Fehlen Informationen, erhalten die Antragstellenden einen Brief mit der Bitte, bestimmte Nachweise noch einzureichen. Parallel wird auch der Gebührenbescheid versendet, in dem steht, welche Gebühr für das Verfahren bezahlt werden muss.

Liegen alle für das Verfahren notwendigen Informationen vor, beginnt die zuständige Stelle mit der Gleichwertigkeitsfeststellung, dem Herzstück des Anerkennungsverfahrens: Sie vergleicht die ausländische Berufsqualifikation mit dem deutschen Referenzberuf. Dabei gibt es zwei wichtige Kriterien: die Dauer und der Inhalt der ausländischen Ausbildung im Vergleich zur aktuellen deutschen Ausbildungsordnung.

Ergeben sich dabei keine wesentlichen Unterschiede, liegt eine volle Gleichwertigkeit vor. Bestehen wesentliche Unterschiede, beurteilt die zuständige Stelle im nächsten Schritt, ob diese durch nachgewiesene, einschlägige Berufserfahrung oder mit anderen Nachweisen – beispielsweise über Weiterbildungen – ausgeglichen werden können. Ist dies nicht der Fall, endet die Gleichwertigkeitsfeststellung mit einer teilweisen Gleichwertigkeit. Antragstellende haben dann die Möglichkeit, die Unterschiede durch gezielte Anpassungsqualifizierung (z.B. Praxiszeiten, Berufserfahrung, Weiterbildungen) innerhalb von 5 Jahren nachzuholen und danach einen Folgeantrag zu stellen, um die volle Gleichwertigkeit ihres Abschlusses zu erhalten.

Manchmal besitzen Antragsstellende nicht alle notwendigen Unterlagen und können sie auch nicht neu beschaffen. In diesen Fällen sieht das Anerkennungsgesetz die Möglichkeit einer Qualifikationsanalyse vor: Antragstellende können praktisch (z.B. mittels Fachgespräch, Arbeitsprobe, Probearbeit im Betrieb) nachweisen, dass sie über berufliche Qualifikationen verfügen, die mit einem deutschen Referenzberuf vergleichbar sind.

Wenn das Anerkennungsverfahren abgeschlossen ist, erhalten die Antragsstellenden darüber einen schriftlichen Bescheid. Dieser listet genau auf, welche beruflichen Kompetenzen vorhanden sind und welche gegebenenfalls noch fehlen. Der Bescheid macht das Gesamtprofil der bzw. des Antragstellenden transparent und übersetzt eine ausländische Ausbildung damit in das deutsche duale Ausbildungssystem.

Von der Anerkennung profitieren neben Fachkräften auch Unternehmen, da sie Personalverantwortlichen eine bessere Einschätzung ausländischer Berufsqualifikationen ermöglicht: Ein Bescheid über die Gleichwertigkeitsfeststellung trägt dazu bei, im Unternehmen vorhandene Potenziale zu heben und Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Auch für gezielte Weiterbildungen kann der Bescheid als Grundlage dienen.


Stephan Treu ist Kommunikationsreferent bei der IHK FOSA.

Berufliche Anerkennung − Klingt kompliziert? Muss nicht sein.

– von Johanna Elsässer

„Früher reichte eine Anzeige in der örtlichen Tageszeitung, und die Fachkräfte und Azubis standen Schlange. Das ist heute nicht mehr so.“ Dirk Abel, DEKTRO Abel GmbH

Eine Lösung für den Fachkräftemangel sieht der Geschäftsführer des Mannheimer Elektrotechnikbetriebs in ausländischem Personal und der beruflichen Anerkennung. Einer seiner Mitarbeiter hat Elektronik für Energie und Gebäudetechnik in Kroatien gelernt; Abel hat seine Anerkennung unterstützt und bilanziert: „Unser Aufwand war insgesamt überschaubar.“

Berufliche Anerkennung muss nicht kompliziert sein
Dirk Abel (rechts) und sein Angestellter Zvonko Kljaic aus Kroatien [© DEKTRO Abel GmbH]

Wer kann wo eine Anerkennung beantragen?

Einen Antrag auf Anerkennung eines ausländischen Abschlusses kann jede Fachkraft stellen – übrigens auch vom Ausland aus. Voraussetzung dafür ist ein im Herkunftsland anerkannter Berufsabschluss. Zuständig für die Anerkennungsverfahren sind in Deutschland in der Regel die Institutionen, die auch für die Abschlussprüfungen oder Berufszulassungen zuständig sind, also zum Beispiel die Handwerkskammern, die Industrie- und Handelskammern oder die Ärztekammern.

Wie finde ich heraus, welche Stelle zuständig ist?

In Deutschland gibt es rund 1.500 solche zuständigen Stellen. Glücklicherweise muss man kein Berufsbildungsexperte sein, um die richtige Ansprechperson zu finden. Anerkennungssuchende können mit dem „Anerkennungs-Finder“ auf dem Portal „Anerkennung in Deutschland“ mit wenigen Klicks klären, wie und wo sie ihre berufliche Qualifikation anerkennen lassen können.

Das Online-Tool hilft im ersten Schritt, den der Ausbildung entsprechenden deutschen Referenzberuf zu definieren. Man erfährt auch, ob man überhaupt zwingend eine offizielle Anerkennung braucht. Das ist dann der Fall, wenn der Beruf reglementiert ist, die Berufsausübung also an bestimmte staatliche Vorgaben geknüpft ist, zum Beispiel bei Ärztinnen oder Architekten. Für mehr Transparenz und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt ist eine Anerkennung allerdings auch dann empfehlenswert, wenn sie nur optional ist.

Was macht die zuständige Stelle?

Die zuständige Stelle vergleicht den ausländischen Abschluss mit dem deutschen Referenzberuf. Das dauert in der Regel nicht länger als drei Monate. Wenn es keine sogenannten wesentlichen Unterschiede gibt, erteilt sie einen Bescheid mit einer „vollen Anerkennung“. Wenn wesentliche Unterschiede zwischen den Berufsqualifikationen bestehen, prüft die zuständige Stelle, ob diese zum Beispiel durch Weiterbildungen oder durch einschlägige Berufserfahrung ausgeglichen werden können. Bei nicht-reglementierten Berufen (z.B. Ausbildungsberufen) werden im Bescheid die Unterschiede zum deutschen Abschluss genau beschrieben. Diese differenzierte Beschreibung des Qualifikationsstandes hilft Unternehmen, genauer einzuschätzen, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten die ausländische Fachkraft mitbringt und ermöglicht so eine gezielte Weiterqualifizierung. Bei reglementierten Berufen sind bei wesentlichen Unterschiede formalisierte Ausgleichmaßnahmen im Rahmen der Berufszulassung vorgesehen.

Zu dem hier beschriebenen grundsätzlichen Ablauf kommen für Antragstellende und Unternehmen häufig auch noch individuelle Fragen hinzu: Bekommt der bzw. die Antragstellende finanzielle Unterstützung? Was kann man tun, wenn man die Unterlagen nicht oder nicht vollständig vorlegen kann? Müssen Deutschkenntnisse nachgewiesen werden? Wo gibt es persönliche Beratung? Antworten auf diese und viele weitere Fragen bündelt das Portal „Anerkennung in Deutschland“ – auf Deutsch, Englisch, Griechisch, Italienisch, Polnisch, Rumänisch, Spanisch, Türkisch und Arabisch.

Weiterführende Links:


Johanna Elsässer ist Projektleiterin beim Portal „Anerkennung in Deutschland“.

 

Beitragsbild: Ishan @seefromthesky; Quelle. Unsplash

Themenreihe Anerkennungsverfahren

Nachdem wir in den vergangenen vier Wochen die berufliche Anerkennung als Instrument der Fachkräftesicherung in den Blick genommen, startet heute unsere neue Themenreihe: Bis Ende September dreht sich bei uns alles um das Anerkennungsverfahren.

  • Wie ist die berufliche Anerkennung in Deutschland eigentlich geregelt?
  • Wie werden ausländische Berufsqualifikationen bewertet?
  • Wie lassen sich im Ausland erworbene informelle Kompetenzen bewerten?
  • Kann man die Anerkennung auch im Ausland beantragen?
  • Seit wann und wieso haben wir eigentlich das „Anerkennungsgesetz“?

Diese und viele weitere Fragen beantworten unsere Fach- und Praxispartner: Anerkennung in Deutschland, Autohaus Gödde, IHK FOSA Le Méridien Grand Hotel Nürnberg, ProRecogition, Valikom und andere.

Freuen Sie sich auf so informative wie spannende Wochen mit und bei Unternehmen Berufsanerkennung. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Infografik-5_Anerkennung-Abschlüsse-Netzwerk-Unternehmen-integrieren-Flüchtlinge.jpg
Wie läuft das Anerkennungsverfahren ab? Eine Infografik des NETZWERKs Unternehmen integrieren Flüchtlinge