Von Werkbänken und der Kooperation mit anderen: Zwei Unternehmen berichten über die Beschäftigung Geflüchteter

Wie können Unternehmen mit Geflüchteten in Kontakt kommen und was hilft ihnen dabei, die beruflichen Kompetenzen Geflüchteter einzuschätzen, auch wenn diese keine formale Qualifikation nachweisen können? Darum ging es in unserem letzten Blogbeitrag.

Aber wie kann das in der Praxis aussehen und welche Erfahrungen haben andere Betriebe damit gemacht? Wir lassen zwei Unternehmen berichten.

Die Interviews werden uns von unseren Partnern vom NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge bereitgestellt.


Auf die ehrenamtlichen Helfer vor Ort zugehen

Die Bayerische Blumen Zentrale ist ein Großhandel für Blumen, Pflanzen und Floristenbedarf. Die 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 13 verschiedenen Nationen stehen für die offene und interkulturelle Arbeitskultur des Unternehmens aus Parsdorf. Mittlerweile erweitern auch vier Geflüchtete das Team.

Bildrechte: Bayerische Blumenzentrale GmbH

Sonja Ziegltrum-Teubner, Geschäftsführerin der Blumen Zentrale, hat ihre neuen Mitarbeiter über eine ehrenamtliche Initiative der Flüchtlingshilfe gefunden.

Wie haben Sie die Geflüchteten gefunden und eingestellt?

Die Ausbildungssituation im Großraum München ist schon seit längerer Zeit angespannt. Es wird immer schwieriger, die Stellen zu besetzen. Ende 2015 kam dann über eine Freundin, die ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig ist, die Idee, offene Stellen mit Geflüchteten zu besetzen. Der konkrete Kontakt zu unseren geflüchteten Mitarbeitern ist dann auch über diese Initiative bei uns vor Ort entstanden.

Das heißt, man braucht bei Integrationsfragen die Kooperation mit anderen?

Auf jeden Fall. Ich habe beispielsweise auch monatelang mit der Arbeitsagentur nach einem Mitarbeiter für unsere Werkstatt gesucht. Über den Helferkreis Vaterstetten-Grasbrunn habe ich dann ganz unkompliziert einen passenden Kandidaten gefunden. Zudem haben die Ehrenamtlichen bei allen bürokratischen und auch praktischen Fragestellungen unterstützt – z.B., wie der neue Mitarbeiter an seinem ersten Arbeitstag in den Betrieb findet.

Und Ihre Empfehlung an andere Unternehmen zur Kontaktaufnahme mit Geflüchteten?

Gehen Sie auf ehrenamtliche Helfer bei sich vor Ort zu. Diese kennen die Flüchtlinge gut und können anhand Ihrer Jobbeschreibung häufig am schnellsten und besten den passenden Kandidaten für Sie finden.


Kompetenzermittlung an der Werkbank

Das Berufsbildungszentrum der Remscheider Metall- und Elektroindustrie GmbH (BZI) bietet jungen Flüchtlingen im Rahmen einer Berufsorientierung die Möglichkeit, verschiedene Berufsfelder und Arbeitsvorgänge der Metall- und Elektrobranche kennenzulernen.

Bildrechte: Berufsbildungszentrum der Remscheider Metall- und Elektroindustrie GmbH

Michael Hagemann, Geschäftsführer des BZI, und Marcel Bechte, als Willkommenslotse im Berufsbildungszentrum tätig, ermöglichen Geflüchteten im BZI erste Einblicke in die duale Berufsausbildung in Deutschland.

Was war Ihre Motivation für das Engagement für Geflüchtete?

Eine unserer Aufgaben ist es, geeignete Nachwuchskräfte für die Industrie bei uns vor Ort zu finden und zu qualifizieren. Für uns war daher gleich klar, dass wir unsere ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen auch auf die Zielgruppe der Flüchtlinge ausdehnen und zuschneiden müssen.

Mit welchen Methoden schätzen Sie die beruflichen Fähigkeiten und Qualifikationen von Flüchtlingen ein?

Wir haben uns ganz klar gegen theoretische Tests entschieden. Diese überfordern die Geflüchteten häufig. Wir laden stattdessen direkt an unsere Werkbank ein. Feilen, Anreißen, Körnen und Bohren: Diese Arbeitsschritte stehen in der Metallindustrie tagtäglich an und können in unserer Probierwerkstatt in der Praxis getestet werden. Und Ihre Empfehlung an andere Unternehmen zur Einschätzung der Kompetenzen von Geflüchteten? Beim ersten Kennenlernen ist es wichtig, die Fähigkeiten und Qualifikationen ganz praktisch abzufragen. Die Gespräche finden direkt in unserer Werkstatt statt, um gestenunterstützt über Werkzeuge und Arbeitsschritte sprechen zu können. Zur Einschätzung des Sprachniveaus lasse ich die Bewerber gerne einen Text vorlesen; die Fertigkeiten an der Werkbank lassen sich über eine kleine praktische Aufgabe erfassen.


Bildrechte Titelbild: Bayerische Blumenzentrale GmbH

Geflüchtete einstellen: So gelingt der Einstieg!

– von Constantin Bräunig

Gut 1,4 Millionen Menschen sind allein in den Jahren 2015-2017 nach Deutschland geflohen. Viele von ihnen werden in ihre Heimat zurückkehren, viele aber auch bleiben. Sie zu integrieren ist eine große Herausforderung für das Land, aber auch eine Chance – insbesondere für die Wirtschaft. Bei entsprechender Förderung stehen Geflüchtete als Arbeitskräfte für den Wirtschaftsstandort Deutschland zur Verfügung und können ein Baustein sein, den Mangel an Fachkräften zu reduzieren. Jedoch ist die Beschäftigung von Geflüchteten oft mit Hürden und Herausforderungen verbunden.

Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge bietet deshalb interessierten Unternehmen kostenlos Beratung, Unterstützung und praktische Lösungsansätze, um diese Herausforderungen zu meistern. Mehr zu der Initiative von Bundeswirtschaftsministerium und Deutschem Industrie- und Handelskammertag finden hier.

In unserem ersten Beitrag soll es vor allem um die Fragen gehen, die sich ganz zu Beginn einer möglichen Beschäftigung von Geflüchteten stellen:

  • Wie sehen die juristischen Rahmenbedingungen aus?
  • Wie komme ich mit Geflüchteten in Kontakt?
  • Wie kann ich auch ohne formale Qualifikationen einschätzen, welche Kompetenzen Geflüchtete mitbringen?

Wer darf in Deutschland arbeiten?

Ob eine geflüchtete Person in Deutschland arbeiten darf, hängt in erster Linie vom Aufenthaltsstatus ab. Generell gilt:

Schutzberechtigte Personen – also Geflüchtete, über deren Asylantrag positiv entschieden wurde und die einen Aufenthaltstitel erhalten haben – dürfen für die Gültigkeitsdauer ihrer Aufenthaltserlaubnis uneingeschränkt beschäftigt werden.

Auch bei Asylbewerbern und Asylbewerberinnen, über deren Asylantrag noch nicht entschieden wurde (sie besitzen die sogenannte Aufenthaltsgestattung), oder bei Geduldeten, bei denen nach einem negativen Bescheid die Abschiebung ausgesetzt wird, ist eine Beschäftigung möglich. Hier muss allerdings die Ausländerbehörde zustimmen. Den Antrag auf Beschäftigungserlaubnis müssen Geflüchtete selbst bei der Ausländerbehörde stellen.

Es gibt auch eine Gruppe an Geflüchteten, die nicht beschäftigt werden dürfen: Dies betrifft diejenigen, die noch keine drei Monate in Deutschland registriert sind, die eine Aufforderung zur Ausreise erhalten haben. Auch Personen aus sicheren Herkunftsstaaten, die ihren Asylantrag nach dem 31. August 2015 gestellt haben, können nicht beschäftigt werden. Weitere Informationen dazu finden Sie hier und hier.

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Wer hilft bei der Kontaktaufnahme?

Bei der Kontaktaufnahme zu Geflüchteten helfen die Bundesagentur für Arbeit und das Jobcenter sowie die Willkommenslotsen.

Die Bundesagentur für Arbeit bietet über den Arbeitgeberservice eine Kontaktstelle für Unternehmen. In vielen Arbeitsagenturen wurde zudem ein Team Asyl eingerichtet, das Ihnen beratend zur Seite steht. Liegt eine Aufenthaltsgenehmigung vor, wechselt die Zuständigkeit und das Jobcenter steht als Ansprechpartner für Sie als Unternehmer zu Verfügung.

Die Willkommenslotsen beraten Unternehmen in allen praktischen Fragen der betrieblichen Integration von Flüchtlingen – dazu gehört es auch, bei der Besetzung von offenen Ausbildungs-, Praktikums- und Arbeitsstellen mit geeigneten Flüchtlingen zu helfen. Die Willkommenslotsen unterstützen Sie beispielsweise dabei, Anforderungsprofile für die jeweilige Stelle zu erarbeiten oder eine Vorauswahl passender Bewerberinnen und Bewerber aus dem Kreis der Geflüchteten zu treffen.

Darüber hinaus gibt es viele digitale Plattformen, auf denen sich interessierte Unternehmen und motivierte Geflüchtete finden können.

Alles dazu und viele weitere Links finden Sie hier.

Wie kann ich die Kompetenzen einschätzen?

Oftmals ist es schwierig, einzuschätzen, welche Kompetenzen die Geflüchteten mitbringen, da es in ihren Heimatländern kein vergleichbares Ausbildungssystem wie in Deutschland gibt. Dennoch gibt es Möglichkeiten, diese Kompetenzen zu erkennen.

Mit der Registrierung in Deutschland sind Geflüchtete für den Bereich Arbeitsförderung in der Obhut der Agentur für Arbeit. Dort wird ein erster grundlegender Lebenslauf erstellt. Dieser wird nach einem positiven Bescheid der Aufenthaltserlaubnis in der Regel durch das Jobcenter erweitert. Dann haben Geflüchtete formal den gleichen Zugang zu Arbeitsförderungsmaßnahmen wie Arbeitslose ohne Migrationshintergrund.

Daneben bietet eine Reihe an Dienstleistern sogenannte Kompetenztests an, die spezifische Kompetenzen abfragen.

Viele unserer Mitglieder haben auch die Erfahrung gemacht, dass sie in Vorstellungsgesprächen vermehrt auf „Soft Skills“ achten müssen, um festzustellen, was er oder sie in das Team einbringen können und welchen Beruf sie gerne ausüben oder erlernen möchten.

Weitere Informationen zum Feststellen von Kompetenzen finden Sie hier.


Constantin Bräunig ist Referent im NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge.

Bildrechte: NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge

 

 

 

 

Neue Themenreihe: Beschäftigung Geflüchteter

Die meisten Anträge auf Berufsanerkennung stammen von Fachkräften aus unseren europäischen Nachbarländern. In den vergangenen Jahren ist aber auch der Anteil der Geflüchteten unter den ausländischen Arbeitnehmern deutlich gestiegen.

In Zusammenarbeit mit unseren Partnern vom NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge wollen wir uns in unserer neuen Themenreihe deshalb mit der Frage befassen, welche Besonderheiten es bei der Beschäftigung Geflüchteter für Unternehmen gibt:

  • Wie können Unternehmen mit Geflüchteten in Kontakt kommen?
  • Wie können Unternehmen die Kompetenzen Geflüchteter einschätzen?
  • Welche Fördermöglichkeiten gibt es für Unternehmen und Geflüchtete?
  • Welche Hilfestellungen gibt es für Unternehmen im Alltag?

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