3 Gründe im eigenen Betrieb nach verborgenen Fachkräftepotenzialen zu suchen

Für viele Unternehmen wird es zunehmend schwerer, ihren Fachkräftebedarf zu decken. Gleichzeitig arbeiten viele ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterhalb ihres Qualifikationsniveaus, obwohl sie über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Die Berufsanerkennung kann dabei helfen, diese versteckten Fachkräftepotenziale sicht- und nutzbar zu machen.

3 Gründe, warum es sich für Unternehmen lohnt, hier genauer hinzusehen:

1.  Die Berufsanerkennung ist kosteneffizient

Von der Ausschreibung bis zur Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters bzw. einer neuen Mitarbeiterin in einer mittleren Einkommensklasse investieren Unternehmen durchschnittlich rund 23.000 Euro. Das Anerkennungsverfahren ist deutlich preiswerter zu haben, selbst wenn zu den Gebühren (100 bis 600 Euro) weitere Kosten für Übersetzungen oder ähnliches hinzukommen. Seit November 2016 besteht zudem in vielen Fällen die Möglichkeit, einen Teil der Kosten über den Anerkennungszuschuss des Bundes abzudecken.

2. Der Betrieb kennt die Fachkraft bereits – und die Fachkraft den Betrieb

Wenn Unternehmen eine neue Fachkraft einstellen, erhalten sie lediglich einen ersten Eindruck der Person. Wichtige Faktoren wie die persönliche Einsatzbereitschaft, die Teamfähigkeit und die sogenannten „Soft Skills“ lassen sich meist erst später beurteilen. Aber auch die Fachkraft kann im Regelfall erst weit nach Ihrer Einstellung sicher sagen, ob sie sich an ihrem neuen Arbeitsplatz wirklich wohl fühlt und bereit ist, sich längerfristig an den Betrieb zu binden. Anders verhält es sich bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die bereits im Betrieb arbeiten: Sie kennen den Betrieb bereits  und der Betrieb kennt sie!

3. Berufsanerkennung ist immer auch Mitarbeiterbindung

Rund 90 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist es sehr wichtig , dass ihre beruflichen Fähigkeiten angemessen genutzt werden¹. Wenn Sie Ihren Beschäftigten durch die Berufsanerkennung ermöglichen, ihr Fachkräftepotenzial zu entfalten, ist das auch ein Zeichen der Wertschätzung und trägt so zur Mitarbeiterbindung bei!


¹ Quelle: Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften (FFAW)

Themenreihe: „Verborgene Fachkräftepotenziale im eigenen Betrieb aufspüren“

Bewerbungsverfahren kosten viel Zeit und Geld und führen trotzdem nicht immer zum gewünschten Erfolg. Andererseits arbeiten in vielen Firmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Ausland in Helfertätigkeiten, obwohl sie über Fachabschlüsse aus ihren Herkunftsländern verfügen. Es lohnt sich deshalb genauer hinzusehen, ob Beschäftigte solche »verborgenen« Qualifikationen besitzen. Durch ein berufliches Anerkennungsverfahren bekommen Sie Klarheit über die tatsächlichen Kenntnisse und Kompetenzen und können möglicherweise eine Stelle intern besetzen.

In unserer Themenreihe zeigen wir Ihnen, wie Sie mit Hilfe der beruflichen Anerkennung versteckte Fachkräftepotenziale in Ihrem Betrieb erfolgreich heben können und lassen Unternehmen zu Wort kommen, die diesen Weg bereits erfolgreich gegangen sind.

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter, lassen Sie sich inspirieren, und diskutieren Sie mit uns über Ihre Erfahrungen und Ideen – wir freuen uns auf Sie!

Wie sieht ein Anerkennungsbescheid aus? Ein Beispiel aus dem Bereich der IHK FOSA.

Nicht nur im Handwerk erhalten immer mehr Unternehmen Bewerbungen mit beigefügtem Anerkennungsbescheid – auch im Bereich der IHK-Betriebe wächst die Zahl der Berufsanerkennungen stetig: Zwischen 2012 und 2016 haben mehr als 86.000 Menschen bei der IHK FOSA, die als Zentralstelle die Anerkennungsprüfung für fast alle Industrie- und Handelskammern durchführt, die Anerkennung ihres ausländischen Berufsabschlusses beantragt¹.

Grund genug, dass wir uns heute einen typischen Anerkennungsbescheid der IHK FOSA einmal näher ansehen wollen.

Die Qualifikationen präzise abbilden

Ebenso wie im Handwerk folgen auch die Anerkennungsbescheide der IHK FOSA einem immer gleichen Grundaufbau, mit dem die individuellen beruflichen Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten des bzw. der Antragstellenden präzise angebildet werden:

  • Der Bescheid legt dar, wann und wo der oder die Antragstellende seinen ausländischen Berufsabschluss erworben hat.
  • Er führt einschlägige Berufserfahrungen und zusätzliche Qualifikationsnachweise auf.
  • Wenn es relevante Unterschiede zwischen dem ausländischen Berufsabschluss und dem deutschen Referenzberuf gibt, werden diese detailliert aufgelistet.

Klicken Sie auf die einzelnen Bilder, um sich einen typischen Anerkennungsbescheid im Vollbildmodus erläutern zu lassen.

Anerkennungsbescheid der IHK FOSA (Beispiel)

 

Unser Beispielbescheid stammt von einer Fachkraft, die in Ägypten eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert hat und bereits über erste einschlägige Berufserfahrung verfügt. Die IHK FOSA bescheinigte der Fachkraft die volle Gleichwertigkeit ihrer Ausbildung mit dem deutschen Referenzberuf.


¹Quelle: IHK FOSA

Wie sieht ein Anerkennungsbescheid aus? Ein Beispiel aus dem Bereich des Handwerks.

Rund 50.000 Menschen haben sich seit Inkrafttreten des Anerkennungsgesetzes 2012 zur Berufsanerkennung bei einer Handwerkskammer beraten lassen¹. Kein Wunder also, dass immer mehr Betriebe Bewerbungen mit einem beigefügten Anerkennungsbescheid erhalten. Doch nicht jeder weiß – wie Arthur Rothermann – auf Anhieb etwas mit dem Dokument anzufangen. Grund genug, dass wir heute mal einen typischen Anerkennungsbescheid einer Handwerkskammer unter die Lupe nehmen wollen.

»Den« Anerkennungsbescheid gibt es nicht.

Ein Anerkennungsbescheid enthält zahlreiche Informationen, so etwa:

  • zur Berufsausbildung: Wann und wo hat die oder der Antragstellende im seinen Berufsabschluss im Ausland erworben? Etc.
  • Angaben zu einschlägiger Berufserfahrung und Qualifikationsnachweisen

Das macht den Anerkennungsbescheid zu einem individuellen Dokument, das die persönlichen Kenntnisse und Fertigkeiten einer Fachkraft präzise abbildet. Im Aufbau aber folgen Anerkennungsbescheide stets der gleichen Grundstruktur. Klicken Sie auf die einzelnen Bilder, um sich einen typischen Anerkennungsbescheid im Vollbildmodus erläutern zu lassen.

Anerkennungsbescheid der Handwerkskammern (Beispiel)

 

In unserem Beispielbescheid geht es um eine Fachkraft, die in Polen eine Ausbildung zum Maler/Tapezierer absolviert hat und bereits über mehrjährige Berufserfahrung verfügt. Da sie mit den eingereichten Unterlagen nicht die volle Gleichwertigkeit ihres Abschlusses mit dem deutschen Referenzberuf belegen konnte, wurde zunächst eine teilweise Gleichwertigkeit beschieden.  Im Rahmen eines Fachgesprächs mit einem Sachverständigen konnte die Fachkraft anschließend die volle Gleichwertigkeit ihrer Qualifikation mit dem deutschen Berufsbild unter Beweis stellen.


¹ Bundesministerium für Bildung und Forschung: Bericht zum Anerkennungsgesetz 2017.

Themenreihe: Den Anerkennungsbescheid verstehen

»Wir haben eine Bewerbung von einem türkischstämmigen Mann erhalten. Ihr lag ein Anerkennungsbescheid der Handwerkskammer Hamburg bei, der ihm die volle Gleichwertigkeit mit dem Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik attestierte. Für uns war das ein klares Zeichen, dass der Bewerber sein Metier beherrscht.« Arthur Rothermann GmbH & Co. KG

Immer mehr Unternehmen erhalten Bewerbungen, denen ein Anerkennungsbescheid beiliegt. Anders als Arthur Rothermann weiß jedoch nicht jeder auf Anhieb etwas mit dem Dokument anzufangen. Darum widmen wir unsere neue Themenreihe dem Anerkennungsbescheid.

Wer seinen Berufsabschluss in Deutschland anerkennen lässt, erhält als Ergebnis des Verfahrens einen Anerkennungsbescheid. In diesem rechtssicheren Dokument legt die zuständige Stelle dar, ob und inwiefern die ausländische Qualifikation dem deutschen Referenzberuf entspricht. Dabei gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten:

  • Eine volle Gleichwertigkeit mit dem deutschen Referenzberuf ist immer dann gegeben, wenn zwischen  dem ausländischen Berufsabschluss und dem deutschen Vergleichsberuf keine wesentlichen Unterschiede bestehen.
  • Eine teilweise Gleichwertigkeit mit dem deutschen Referenzberuf besteht dann, wenn es Unterschiede zum deutschen Referenzberuf gibt (z.B. die Praxiserfahrung fehlt wie bei Sevdalina Todorova, die ihre Ausbildung zur Köchin in Bulgarien absolviert hat).¹
  • Keine Gleichwertigkeit wird dann beschieden, wenn die ausländische Qualifikation kaum vergleichbar ist mit dem deutschen Referenzberuf. Ein negativer Bescheid wird jedoch nur selten ausgestellt, denn in der Regel erkennen die Expertinnen und Experten der zuständigen Stellen schnell, ob die Diskrepanz zu groß ist und suchen nach Alternativen.

Sevdalina Todorova Hotel Meridian Nürnberg

Aber wie sieht so ein Anerkennungsbescheid aus? Welche Informationen enthält er und wie können Unternehmerinnen und Unternehmer den Bescheid nutzen, um die Qualifikationen einer ausländischen Fachkraft einzuschätzen?

Um diese und weitere Fragen dreht sich unsere Themenreihe »Den Anerkennungsbescheid verstehen«. Wenn Sie Ihrerseits Rückfragen und Anregungen zur Themenreihe haben, geben Sie uns gerne Bescheid!


¹Ausländische Fachkräfte haben die Möglichkeit, Unterschiede zum deutschen Referenzberuf durch eine Anpassungsqualifizierung auszugleichen, um die volle Gleichwertigkeit ihrer Ausbildung anerkannt zu bekommen.

Mitarbeiterbindung durch berufliche Anerkennung: Zwei Unternehmen berichten

Fähige und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, ist nicht immer einfach. Oft kann sich die Personalsuche über Monate hinziehen und verursacht nicht nur hohen Aufwand, sondern häufig auch immense Kosten. Umso wichtiger ist es für viele Betriebe, ihre „Leute“ langfristig an sich zu binden. Der Schlüssel hierzu besteht in einer hohen Arbeitszufriedenheit – und genau hier leistet die Berufsanerkennung einen wichtigen Beitrag!

Das haben auch die Agaplesion Frankfurter Diakonie Kliniken erkannt. Der Klinikverbund hat ein eigenes Konzept für die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland entwickelt, das auf langfristige Zusammenarbeit zielt. Eine zentrale Rolle dabei spielen die betrieblichen Integrationsbeauftragten. Als Mentorinnen und Mentoren stehen sie den interessierten Kandidatinnen und Kandidaten von der Ansprache über die Bewerbungs- und Ankerkennungsphase bis zur Einstellung als Fachkraft mit Rat und Tat zur Seite:

  • Sie informieren über den Anerkennungsprozess,
  • prüfen die notwendigen Antragsunterlagen und
  • unterstützen bei der Antragstellung aus dem Ausland.

Neben der personellen Begleitung unterstützt der Klinikverbund die ausländischen Fachkräfte, indem er:

  • die Übersetzungskosten für die einzureichenden Unterlagen und
  • die Anerkennungsgebühren übernimmt sowie
  • Sprachkurse fördert.

„Mit unserem Rekrutierungsansatz gewinnen wir zufriedene und gut ausgebildete Fachkräfte, die lange in unserem Unternehmen bleiben.“
Agaplesion Frankfurter Diakonie Kliniken gGmbH

Dass das Konzept der Mentorinnen und Mentoren auch in kleineren Betrieben funktioniert, zeigt das Autohaus Gödde aus dem nordrhein-westfälischen Schmallenberg. Im April 2016 hatte der Familienbetrieb einen jungen Mann aus Syrien als Praktikanten eingestellt. Schon nach kurzer Zeit überzeugte der gelernte KFZ-Mechaniker das Autohaus und wurde zunächst befristet und kurz darauf unbefristet auf Helferniveau eingestellt.

Um ihn als qualifizierte Fachkraft beschäftigen und seine beruflichen Chancen zu erhöhen, entschied sich die Firma Gödde die berufliche Anerkennung des neuen Kollegen zu unterstützen – und der ganze Betrieb zieht mit:

  • Zwei bis drei Kollegen stehen dem jungen Mann stets mit Rat und Tat bei der Antragstellung sowie bei Korrespondenzen, Behördengängen und Terminen zur Seite.
  • Sie haben ihm bei der Wohnungssuche geholfen und auf dem Weg zum Führerschein.
  • Ein Kollege aus der Werkstatt hat den jungen Mann quasi „adoptiert“:
    Er zeigt ihm alles und lehrt in so zugleich die Fachsprache.

„Wir haben einen hochengagierten, loyalen Mitarbeiter gewonnen, den wir auf dem normalen Weg nie gefunden hätten.“
Autohaus Gödde GmbH

3 Gründe für die Berufsanerkennung als Instrument der Mitarbeiterbindung

Eine Stelle neu zu besetzen, kostet Unternehmen nicht nur Zeit, sondern häufig auch viel Geld: Von der Ausschreibung bis zur Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters bzw. einer neuen Mitarbeiterin in einer mittleren Einkommensklasse investieren Unternehmen durchschnittlich rund 23.000 Euro – ein guter Grund, einmal gewonnenes Personal möglichst lang an das Unternehmen zu binden. Doch wie?

Die Personalbindung stellt sich häufig als große Herausforderung dar: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind heute flexibler, binden sich nicht mehr so leicht an einen Arbeitgeber und wandern schneller ab, wenn sie mit ihrem Arbeitsbedingungen unzufrieden sind. Genau da setzt die Berufsanerkennung an: Sie kann auf verschiedene Weise dazu beitragen, die Zufriedenheit der Beschäftigten zu erhöhen – und sie so langfristig an das Unternehmen zu binden.

1. Grund: 90%

…aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist es sehr wichtig , dass ihre beruflichen Fähigkeiten angemessen genutzt werden.*

So hilft die Berufsanerkennung: Viele Fachkräfte mit ausländischem Berufsabschluss sind vor ihrer Berufsanerkennung als ungelernte Helferinnen und Helfer angestellt und können ihre Kenntnisse und Fertigkeiten nicht richtig einbringen. Die Berufsanerkennung ermöglicht ihnen, ihr Können unter Beweis zu stellen und anspruchsvollere Tätigkeiten zu übernehmen, die ihrem Qualifikationsprofil entsprechen.

2. Grund: 97%

…der befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind gute berufliche Perspektiven wichtig oder sehr wichtig.*

So hilft die Berufsanerkennung: Der Anerkennungsbescheid macht transparent, über welche Kenntnisse und Fähigkeiten eine ausländische Fachkraft verfügt. Dadurch ist es Unternehmen möglich, persönliche Karrierepfade aufzeigen und individuelle Weiterbildungsangebote bereitzustellen.

3. Grund: 72%

…der Befragten schätzen ihre persönliche berufliche Position nach der Antragstellung auf Berufsanerkennung besser ein als vorher und führen dies auch auf die Anerkennung zurück.**

 


 

*Quelle: Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften (FFAW)

**Quelle: Befragung im Rahmen der Evaluation des Anerkennungsgesetzes, durchgeführt von der InterVal GmbH und dem Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK).

Themenreihe „Mitarbeiterbindung durch berufliche Anerkennung“

Wir waren mit seiner Arbeit immer sehr zufrieden und es war uns wichtig, dass wir ihn an unser Unternehmen binden. Dabei wussten wir: Wenn wir es nicht schaffen, ihm dann auch Chancen zu bieten, sich weiterzuentwickeln und vielleicht auch mal ein paar Euro mehr zu verdienen, wird er auf Dauer unzufrieden werden und sich irgendwann auch anderswo umsehen. Und da war die Berufsanerkennung einfach ein sehr guter Weg, unser Ziel zu erreichen und eben gleichzeitig auch fuer den Mitarbeiter etwas Gutes zu tun.“

Igor Lamprecht, Personalleiter bei GCD Printlayout GmbH

Die Frage, wie man gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Betrieb binden kann, treibt viele Unternehmen um. In unserer neuen Themenreihe dreht sich alles um die Frage, welchen Beitrag die betriebliche Anerkennungsförderung zur Mitarbeiterbindung leisten kann:

  • Welche Bedeutung haben Anerkennung und Wertschätzung für die Mitarbeiterbindung?
  • Welchen Beitrag leistet die berufliche Anerkennung für eine Wertschätzungskultur im Unternehmen?
  • Wie kann die Berufsanerkennung konkret genutzt werden, um Wertschätzung gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auszudrücken?

Diese und viele weitere Fragen beantworten wir im Rahmen unserer neuen Themenreihe „Mitarbeiterbindung durch berufliche Anerkennung“.

Und es geht doch: Ohne formale Ausbildung zur beruflichen Anerkennung. Das Projekt ValiKom leistet Pionierarbeit

Die Aus- und Weiterbildung ist in Deutschland besonders stark formalisiert. Für Unternehmen bietet das durchaus viele Vorteile: Bewirbt sich eine Fachkraft, können sie anhand der Aus- und Weiterbildungszeugnisse präzise einschätzen, über welche Qualifikationen und Fertigkeiten die Person verfügt.

Die “Zertifikatskultur“ hat jedoch auch ihre Kehrseiten. Wer seine Qualifikationen nicht schriftlich nachweisen kann, hat es auf dem Arbeitsmarkt oft schwer. Das betrifft häufig Migrantinnen und Migranten, die ihre berufliche Qualifikation in einem Land erworben haben, in dem die Berufsbildung weniger formalisiert ist als in Deutschland – und das sind nicht wenige.

In vielen Ländern findet die Ausbildung beispielsweise im Familienbetrieb statt – also auf informellem Weg – oder in privaten Bildungseinrichtungen, die staatlich nicht anerkannt sind (non-formaler Weg). Ein 37-jähriger Syrer zum Beispiel hat sich im elterlichen Betrieb durch »Learning bei Doing« zum Produktdesigner gebildet und war anschließend zehn Jahre in diesem Beruf tätig. Vor zwei Jahren kam er nach Deutschland. Und da er seine Berufserfahrung nicht mit Dokumenten belegen konnte, hatte er anfangs große Schwierigkeiten eine Stelle als Produktdesigner zu bekommen.

Wie können Personen ohne formalen (ausländischen) Berufsabschluss ihre beruflichen Kompetenzen zukünftig anerkennen lassen? Das wird derzeit im Projekt ValiKom erprobt. Das Projektteam hat ein Verfahren entwickelt, mit dem die Handwerkskammern oder Industrie- und Handelskammern sogenannte non-formal und informell erworbene Kompetenzen zertifizieren können.

Mithilfe handlungsorientierter Aufgaben aus dem Berufsalltag können die Fachleute in den Kammern feststellen, inwieweit eine Person über die nötigen beruflichen Kompetenzen verfügt. Berufsexperten und -expertinnen beobachten und bewerten z.B. im Rahmen einer Arbeitsprobe, wie die Person eine Aufgabe ausführt. Alternativ können sie auch ein Fachgespräch führen oder eine Probearbeit in einem Betrieb durchführen lassen. Auch Rollenspiele und Gesprächssimulationen oder Fallstudien können – je nach Beruf und Tätigkeitsbereich – eingesetzt werden.

Am Ende des Verfahrens wird den Teilnehmenden abhängig vom Ergebnis eine volle bzw. teilweise Gleichwertigkeit mit einem Berufsabschluss bescheinigt. Hierfür stellt die Kammer ein entsprechendes Validierungszertifikat aus.

Ein solches Validierungszertifikat hat der bereits erwähnte Syrer kürzlich von seiner Kammer, der IHK Halle-Dessau, erhalten. Nachdem er die zwei Berufsexpertinnen in einer zweitägigen Fremdbewertung von seinem Können überzeugen konnte, wurde ihm die Gleichwertigkeit seiner Kompetenzen mit dem Beruf »Technischer Produktdesigner« formal bescheinigt. Das eröffnet ihm ganz neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.

Am Verfahren können Personen teilnehmen, die mindestens 25 Jahre alt sind und über Berufserfahrung verfügen, hierfür aber keinen Berufsabschluss vorweisen können. Die Berufserfahrung kann sowohl im In- als auch im Ausland erworben worden sein.

Zielgruppe des Verfahrens, das im Projekt ValiKom entwickelt wurde.

Bereits während der Erprobungsphase des BMBF-geförderten Projekts (März 2017 bis März 2018) können Personen an dem Verfahren teilnehmen. Folgende Kammern sind derzeit an der Erprobung beteiligt und suchen Teilnehmende:

  • Handwerkskammer Dresden
  • Handwerkskammer Hannover
  • Handwerkskammer für München und Oberbayern
  • Handwerkskammer Münster
  • Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau
  • Industrie- und Handelskammer zu Köln
  • Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern
  • Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart

Sie beschäftigen Mitarbeitende, für die eine Teilnahme an dem Verfahren interessant wäre? Dann nehmen Sie bitte Kontakt mit den jeweiligen Ansprechpartner/innen der Kammern auf.

Weitere Informationen zum Verfahren und dem Projekt »ValiKom« erhalten Sie hier:
www.validierungsverfahren.de


Tina Rapp arbeitet beim Westdeutschen Handwerkskammertag. Sie ist Projektleiterin des Projekts »ValiKom«.

ProRecognition: Anerkennungsberatung schon im Herkunftsland

„Ich bin froh, dass ich an der AHK Vietnam sehr umfassend beraten wurde. So konnte ich problemlos meine Zeugnisbewertung in Deutschland machen lassen. Jetzt kann ich mich mit guten Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt bewerben.“
Quoc Dat Nguyen, Softwarentwickler

Beratung schon im Ausland – gute Vorbereitung zahlt sich aus

Herr Ngyen hat alles richtiggemacht. Er hat in Vietnam Informationstechnologie mit dem Schwerpunkt Softwareentwicklung studiert, ist jung und spricht gut Deutsch. Mit seinem abgeschlossenen Studium möchte er unbedingt in Deutschland arbeiten. Deshalb hat er im Dezember 2016 eine Informationsveranstaltung in Ho-Chi-Minh-Stadt besucht, die ProRecognition an der  dortigen Auslandshandelskammer (AHK Vietnam)* angeboten hat. Dort hat er das erste Mal vom Anerkennungsverfahren in Deutschland gehört. Auch, dass er dieses als Drittstaatler zwingend durchlaufen muss, um ein Arbeitsvisum für Deutschland zu erhalten, war für ihn neu. Daher hat er sich im Februar 2017 noch einmal an die Anerkennungsberaterin der AHK Vietnam gewandt, um sich über seine persönlichen Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu erkundigen. Sie hat ihm erklärt, dass er seinen Bachelorabschluss bei der Zentralställe für ausländisches Bildungswesen (ZAB) in Bonn bewerten lassen muss und ihm geholfen, die dafür notwendigen Unterlagen zusammenzustellen. Gleichzeitig hat die Beraterin ihm empfohlen, sich im Stellenpool der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) eintragen zu lassen und ihn dabei unterstützt. Ende August hielt Her Nguyen die Zeugnisbewertung in den Händen. Perfekt. Er weiß, dass sein Abschluss für einen potenziellen Arbeitgeber nun gut einzuschätzen ist und seine Chancen, einen Job zu finden, gut sind. Entsprechend selbstbewusst bewirbt er sich inzwischen auch. Wenn er ein Jobangebot hat, wird er die Bluecard beantragen. Das ist die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis der EU für Fachkräfte aus Drittländern, vergleichbar mit der Green Card in den USA – auch das hat ihm die Anerkennungsberaterin bei der AHK erklärt.

Bereit für neue Perspektiven in Deutschland: Quoc Dat Nguyen hat seinen Beruf erfolgreich anerkennen lassen. Sobald er ein Jobangebot erhält, kann er die Bluecard für die Einreise in die EU beantragen.

Pro Recognition bietet in acht AHKs Beratung zur Anerkennung an

Neben Vietnam wurden 2015 auch bei der AHK in Ägypten, China, Iran, Italien, Indien, Marokko und Polen Beratungsstellen eingerichtet. Im Rahmen eines dreijährigen Projekts, das vom BMBF gefördert und vom DIHK umgesetzt wird, wird dort interessierten Menschen Beratung, Begleitung und Unterstützung zu allen Fragen des Anerkennungsverfahrens angeboten. Dazu haben die Anerkennungsberater/innen ein enges Netzwerk zu Institutionen und Organisationen in ihren Herkunftsländern und in Deutschland geknüpft. Inzwischen wurden über 1.600 Personen beraten. Wie viele von diesen genau einen Antrag auf Prüfung der Gleichwertigkeit in Deutschland gestellt haben, lässt sich nicht exakt feststellen. 25 Personen haben inzwischen ihren Gleichwertigkeitsbescheid bzw. die Zeugnisbewertung an die AHK zurückgemeldet.

Immer noch ein langer Weg

So leicht wie bei dem vietnamesischen Softwareentwickler ist der Weg nicht immer. Herr Nguyen hat sich sehr zielstrebig auf Deutschland vorbereitet und während seines Studiums bereits Deutsch gelernt. Inzwischen verfügt er über sehr solide A2-Kenntnisse. Dass man auf dem deutschen Arbeitsmarkt ohne gute Deutschkenntnisse nicht wirklich vorankommt, wird Vielen erst in der Beratung klar. Die Sprachkenntnisse sind von dem eigentlichen Anerkennungsverfahren zwar abgekoppelt, praktisch kann man in vielen Berufen aber nicht arbeiten, wenn man nicht über bestimmte Deutschkenntnisse verfügt. Ohne Sprachkenntnisse gibt es dann keinen Job. Ohne Job keinen Aufenthaltstitel. Und dann?

Qualifizierung vor Ort und in Deutschland

Auch hier helfen die Auslandshandelskammern. Sie halten guten Kontakt zum Goethe-Institut, das Deutschkurse vor Ort anbietet. Mitunter geben sie auch Tipps, mit welcher Qualifizierung aus einer teilweisen Gleichwertigkeit eine volle Gleichwertigkeit gemacht werden kann/welche Qualifizierung man benötigt, um aus einer teilweisen Gleichwertigkeit eine volle Gleichwertigkeit zu machen. Welche Möglichkeiten es dafür gibt, wo man eine solche zu Hause oder in Deutschland beantragen kann und mit welchem Visum man dafür nach Deutschland einreist – diese Fragen beantwortet der/die Berater/In vor Ort.

* Mit AHKs sind hier die deutschen Auslandshandelskammern und Delegationen der Deutschen Wirtschaft gemeint.


Sabine Kotsch ist Projektkoordinatorin beim Projekt ProRecognition.