Arbeitsalltag mit Geflüchteten: Zwei Unternehmen berichten

Viele Unternehmen in Deutschland haben die Bereitschaft, Geflüchteten den Einstieg in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Dabei haben Betriebe jedoch häufig zunächst einmal Fragen: Wie können wir sicherstellen, dass die geflüchtete Person über die benötigte Qualifikation verfügt und zu uns passt? Welche besonderen Unterstützungsbedarfe können bei der Beschäftigung Geflüchteter auftreten und wie können wir diesen als Unternehmen gerecht werden?

In unserem heutigen Praxisbeispiel zeigen zwei Betrieben aus unterschiedlichen Branchen, wie die betriebliche Integration Geflüchteter zu einem Erfolg für beide Seiten werden kann.

Die Praxisbeispiele werden uns von unseren Partnern vom NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge zur Verfügung gestellt.


Über das Praktikum zum Ausbildungsvertrag

Die Norbert Schaub GmbH vertreibt chemisch-technische Produkte und Spezial-Schmierstoffe für die Automobilindustrie sowie spezielle Marderabwehrprodukte. Seit 1. August bildet das Unternehmen einen Flüchtling aus Gambia zum Groß- und Außenhandelskaufmann aus – als ersten Auszubildenden überhaupt im Unternehmen.

Bildrechte: Schaub GmbH – Viktor Strasse / offenblen.de

Marika Essig, Assistentin der Geschäftsleitung, freut sich, dem neuen Mitarbeiter diese Chance bieten zu können.

Woher rührt Ihr Engagement für die Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt?

Wir sind bereits seit Längerem in verschiedenen Bereichen sozial engagiert und immer auf der Suche nach guten Fachkräften. Für uns war deshalb klar, dass wir uns auch für Geflüchtete engagieren. Es ist uns wichtig, ihnen eine echte Chance und Perspektive hier in Deutschland zu bieten.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Einstellung gemacht?

Unsere Belegschaft stand von Anfang an hinter der Entscheidung, einem Geflüchteten die Ausbildung im Betrieb zu ermöglichen – auch wenn es für beide Seiten nicht leicht wird. Besonders positiv empfanden wir den Austausch mit regionalen Akteuren und Initiativen: Über den Mülheimer Flüchtlingshelferkreis kam der Kontakt zu Musa Nijie zustande. Und auch unsere IHK und Unternehmen, die bereits Geflüchtete beschäftigen, waren gute und hilfreiche Ansprechpartner für unsere Fragen.

Und Ihr Tipp an andere Unternehmen, die einen Flüchtling einstellen wollen?

Für uns war klar, dass wir den neuen Mitarbeiter erst einmal besser kennenlernen müssen, um seine Qualifikationen und Fähigkeiten einschätzen zu können. Mein Tipp an andere Unternehmen ist es daher, zunächst ein Praktikum anzubieten. Wir haben hier nur gute Erfahrungen gemacht: Die Mitarbeiter haben Musa Nijie gerne unterstützt und er war sehr wissbegierig. So reifte bei uns schnell der Entschluss, ihm einen Ausbildungsvertrag anzubieten.


Arbeitsalltag mit Geflüchteten: Feste Ansprechpartner etablieren

Die ARCo Personaldienstleistungs- und Beratungsgesellschaft mbH ist ein regional agierender Personaldienstleister mit vier Standorten in Süddeutschland. Im Jahr 2016 hat das Unternehmen bereits vier Geflüchtete in Arbeit vermittelt.

Bildrechte: ARCo Personaldienstleistungs- und Beratungsgesellschaft
mbH – Viktor Strasse / offenblen.de

Thomas Bopp, Geschäftsführer von ARCo am Hauptsitz in Stuttgart, möchte auf das Potenzial, das sich durch Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt in Zukunft eröffnet, nicht mehr verzichten.

Unterstützung im Alltag für die Geflüchteten spielt für Sie eine große Rolle: Welche Themen sind dabei für die Flüchtlinge besonders wichtig?

Wichtig ist die Unterstützung der Bewerber/Mitarbeiter bei behördlichen Angelegenheiten. Die Flüchtlinge benötigen bei uns zum Beispiel sehr kurzfristig eine Arbeitserlaubnis. Beim Ausfüllen der entsprechenden Anträge und bei der Kommunikation mit der Bundesagentur für Arbeit ist unsere Unterstützung sehr wichtig. Auch im Alltag kommen immer wieder Fragen zum Umgang mit Behörden und zur Wohnungssuche auf, bei denen wir die Mitarbeiter beraten und, wenn notwendig, die Kommunikation übernehmen.

Woher beziehen Sie und Ihre Mitarbeiter die Infos, um in diesen Themenbereichen zu beraten?

Wir sind im Bereich Personal seit 20 Jahren aktiv und haben das entsprechende Know-how, um allgemeine Fragen kompetent zu beantworten. Bei speziellen Fragen suchen wir Hilfe bei Institutionen wie z. B. AWO, Welcome-Center, Caritas usw.

Welchen Tipp haben Sie für andere Unternehmen, um Geflüchtete im Alltag zu unterstützen?

Gerade geflüchtete Menschen brauchen einen festen Ansprechpartner im Unternehmen, der ihnen Stabilität und Sicherheit in einem für sie fremden Umfeld vermittelt. Während der Beschäftigungszeit stellen wir daher jedem unserer neuen Mitarbeiter einen persönlichen Berater zur Seite, der sich sowohl um berufliche als auch um private Belange und Fragestellungen kümmert.


Bildrechte Titelbild: Schaub GmbH – Viktor Strasse / offenblen.de

Geflüchtete beschäftigen: So wird die Integration zum Erfolg!

– von Constantin Bräunig

Dieser Artikel ist die inhaltliche Fortsetzung des Beitrags „Geflüchtete einstellen: So gelingt der Einstieg!“ , der in der vergangenen Woche in diesem Blog erschienen ist.

Während es in diesem ersten Artikel um die Fragen ging, welche juristischen Rahmenbedingungen es für die Beschäftigung Geflüchteter gibt, wie Unternehmen mit Geflüchteten in Kontakt kommen und wie sie deren Kompetenzen einschätzen können, steht in unserem heutigen heutigen Beitrag die Beschäftigung Geflüchteter im betrieblichen Alltag im Fokus:

  • Was bedeutet Integration im Arbeitsalltag und welchen Wert hat Diversität für Unternehmen?
  • Welche Fördermöglichkeiten für die Arbeitsmarktintegration Geflüchteter gibt es für Unternehmen und für die Geflüchteten selbst?
  • Wo finden Unternehmen Unterstützungsangebote für die praktische Alltagsarbeit mit Geflüchteten?

Was bedeutet Integration im Arbeitsalltag?

Integration in den Arbeitsalltag ist weit mehr als die Unterzeichnung des Arbeitsvertrags, die Einarbeitung in Arbeitsabläufe oder auch das gemeinsame Essen in der Betriebskantine. Einerseits geht es darum, die Regeln im Betrieb zu lernen und zu leben: Ob es um Pünktlichkeit geht, um gegenseitige respektvolle Behandlung oder aber um konkrete Arbeitsschutzmaßnahmen. Formelle und informelle Regeln gelten allgemeingültig für alle im Unternehmen. Andererseits ist es wichtig, die Vielfalt im Betrieb sowie die individuellen Kenntnisse, Kompetenzen und kulturellen Hintergründe der Mitarbeiter zu nutzen. Das ist übrigens durchaus im Sinne des Unternehmens: Viele Studien zeigen, dass sich ein gutes Diversity Management positiv auswirkt. Unternehmen, die auf Vielfalt setzen, erschließen leichter neue Kundengruppen und haben ein positiveres Image. Eine Unternehmenskultur, die eine vielfältige Belegschaft begrüßt, stärkt die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Dabei ist es besonders wichtig, offen miteinander zu kommunizieren und mögliche Missverständnisse im Vorfeld auszuräumen. Das können einfache Begriffe wie „Mahlzeit“ sein, die man im Deutschkurs nicht lernt oder aber grundlegendere Sachen, dass beispielsweise das Vermeiden von Blickkontakt kein Zeichen von Respektlosigkeit ist, sondern in den Herkunftsländern das Gegenteil bedeuten kann. Hier ist es oft hilfreich, mit interkulturellen Trainings die Belegschaft für das Thema zu sensibilisieren.

Welche Fördermöglichkeiten gibt es für Unternehmen und Geflüchtete?

Betrieben, die Geflüchtete beschäftigen oder ausbilden möchten, stehen eine Reihe an staatlichen Förder- und Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung. Diese sind dabei keineswegs neu, sondern oftmals schon länger etabliert und zumeist nicht nur für Geflüchtete gedacht.

Bei der regulären Beschäftigung von Geflüchteten können Unternehmen beispielsweise mit der Maßnahme bei einem Arbeitgeber (MAG) Kompetenzen der Geflüchteten feststellen lassen.

Der Eingliederungszuschuss (EGZ) ist ein finanzieller Zuschuss zum Arbeitsentgelt für den Arbeitgeber, der auch für Geflüchtete beantragt werden kann, sollten beispielsweise noch zusätzliche Sprachkurse finanziert werden müssen, bevor der neue Arbeiternehmer oder die neue Arbeitnehmerin voll einsatzfähig ist.

Auch eine geförderte Weiterbildung der Geflüchteten ist im Rahmen des WEGebAU-Programms in einem Betrieb möglich. Auch hier gehört u.a. ein Arbeitsentgeltzuschuss zu den Leistungen.

Infografik: Fördermöglichkeiten für die Ausbildung Geflüchteter

Geflüchtete mit einem Ausbildungsplatz können auf die allgemein bekannten Fördermaßnahmen wie ausbildungsbegleitende Hilfen (abH), Assistierte Ausbildung (AsA) und die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) zurückgreifen. Einschränkungen gibt es hier ggf. durch den Aufenthaltsstatus und die Bleibeperspektive der Person (s. Infografik).

Mit einer Einstiegsqualifizierung (EQ) können die Flüchtlinge außerdem sehr gut auf eine Ausbildung vorbereitet werden – dieses Mittel hat sich in der Praxis inzwischen sehr bewährt.

Weitere Informationen dazu finden Sie unter www.nuif.de/foerderung.

Welche Unterstützungsangebote gibt es für den Arbeitsalltag?

Für die zu uns gekommenen Menschen sind viele Abläufe innerhalb und außerhalb des Betriebs oft Neuland und sehr fremd. Deshalb ist es wichtig, Sie auch hier zu unterstützen. Behördengänge, Krankenversicherung und viel Papierkram in einer fremden Sprache überwältigen die Geflüchteten oft. Hier können Betriebe unterstützen, indem man Anträge gemeinsam bearbeitet oder bei der Wohnungssuche geholfen wird.

In der Ausbildung können Auszubildende aus höheren Lehrjahren auch als Nachhilfelehrer fungieren und so nicht nur den neuen Auszubildenden helfen, sondern auch selbst erstmals Verantwortung für andere übernehmen und daran wachsen. Dies hat die Praxis mit Patenprogrammen von Unternehmen in unserem NETZWERK gezeigt.

Nicht selten haben die Menschen in Ihren Heimatländern oder auf der Flucht schreckliche Dinge erlebt, die sie stark belasten. Hier kann psychologische Hilfe vonnöten sein. Mögliche Ansprechpartner finden Sie beispielsweise auf unserer Webseite unter www.nuif.de/unterstuetzung. In unserem letzten Webinar wurde der Umgang mit Traumata ebenfalls thematisiert. Die Aufzeichnung können Sie als eingeloggtes NETZWERK-Mitglied unter www.nuif.de/webinare ebenfalls abrufen.


Constantin Bräunig ist Referent im NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge.

Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge ist eine bundesweite Initiative, die ihre Mitglieder bei der Integration Geflüchteter unterstützt. Neben der Bereitstellung vielfältiger Informations- und Beratungsangebote fördert das Netzwerk dazu auch die Vernetzung und Kooperation engagierter Unternehmen.

Von Werkbänken und der Kooperation mit anderen: Zwei Unternehmen berichten über die Beschäftigung Geflüchteter

Wie können Unternehmen mit Geflüchteten in Kontakt kommen und was hilft ihnen dabei, die beruflichen Kompetenzen Geflüchteter einzuschätzen, auch wenn diese keine formale Qualifikation nachweisen können? Darum ging es in unserem letzten Blogbeitrag.

Aber wie kann das in der Praxis aussehen und welche Erfahrungen haben andere Betriebe damit gemacht? Wir lassen zwei Unternehmen berichten.

Die Interviews werden uns von unseren Partnern vom NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge bereitgestellt.


Auf die ehrenamtlichen Helfer vor Ort zugehen

Die Bayerische Blumen Zentrale ist ein Großhandel für Blumen, Pflanzen und Floristenbedarf. Die 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 13 verschiedenen Nationen stehen für die offene und interkulturelle Arbeitskultur des Unternehmens aus Parsdorf. Mittlerweile erweitern auch vier Geflüchtete das Team.

Bildrechte: Bayerische Blumenzentrale GmbH

Sonja Ziegltrum-Teubner, Geschäftsführerin der Blumen Zentrale, hat ihre neuen Mitarbeiter über eine ehrenamtliche Initiative der Flüchtlingshilfe gefunden.

Wie haben Sie die Geflüchteten gefunden und eingestellt?

Die Ausbildungssituation im Großraum München ist schon seit längerer Zeit angespannt. Es wird immer schwieriger, die Stellen zu besetzen. Ende 2015 kam dann über eine Freundin, die ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig ist, die Idee, offene Stellen mit Geflüchteten zu besetzen. Der konkrete Kontakt zu unseren geflüchteten Mitarbeitern ist dann auch über diese Initiative bei uns vor Ort entstanden.

Das heißt, man braucht bei Integrationsfragen die Kooperation mit anderen?

Auf jeden Fall. Ich habe beispielsweise auch monatelang mit der Arbeitsagentur nach einem Mitarbeiter für unsere Werkstatt gesucht. Über den Helferkreis Vaterstetten-Grasbrunn habe ich dann ganz unkompliziert einen passenden Kandidaten gefunden. Zudem haben die Ehrenamtlichen bei allen bürokratischen und auch praktischen Fragestellungen unterstützt – z.B., wie der neue Mitarbeiter an seinem ersten Arbeitstag in den Betrieb findet.

Und Ihre Empfehlung an andere Unternehmen zur Kontaktaufnahme mit Geflüchteten?

Gehen Sie auf ehrenamtliche Helfer bei sich vor Ort zu. Diese kennen die Flüchtlinge gut und können anhand Ihrer Jobbeschreibung häufig am schnellsten und besten den passenden Kandidaten für Sie finden.


Kompetenzermittlung an der Werkbank

Das Berufsbildungszentrum der Remscheider Metall- und Elektroindustrie GmbH (BZI) bietet jungen Flüchtlingen im Rahmen einer Berufsorientierung die Möglichkeit, verschiedene Berufsfelder und Arbeitsvorgänge der Metall- und Elektrobranche kennenzulernen.

Bildrechte: Berufsbildungszentrum der Remscheider Metall- und Elektroindustrie GmbH

Michael Hagemann, Geschäftsführer des BZI, und Marcel Bechte, als Willkommenslotse im Berufsbildungszentrum tätig, ermöglichen Geflüchteten im BZI erste Einblicke in die duale Berufsausbildung in Deutschland.

Was war Ihre Motivation für das Engagement für Geflüchtete?

Eine unserer Aufgaben ist es, geeignete Nachwuchskräfte für die Industrie bei uns vor Ort zu finden und zu qualifizieren. Für uns war daher gleich klar, dass wir unsere ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen auch auf die Zielgruppe der Flüchtlinge ausdehnen und zuschneiden müssen.

Mit welchen Methoden schätzen Sie die beruflichen Fähigkeiten und Qualifikationen von Flüchtlingen ein?

Wir haben uns ganz klar gegen theoretische Tests entschieden. Diese überfordern die Geflüchteten häufig. Wir laden stattdessen direkt an unsere Werkbank ein. Feilen, Anreißen, Körnen und Bohren: Diese Arbeitsschritte stehen in der Metallindustrie tagtäglich an und können in unserer Probierwerkstatt in der Praxis getestet werden.

Und Ihre Empfehlung an andere Unternehmen zur Einschätzung der Kompetenzen von Geflüchteten?

Beim ersten Kennenlernen ist es wichtig, die Fähigkeiten und Qualifikationen ganz praktisch abzufragen. Die Gespräche finden direkt in unserer Werkstatt statt, um gestenunterstützt über Werkzeuge und Arbeitsschritte sprechen zu können. Zur Einschätzung des Sprachniveaus lasse ich die Bewerber gerne einen Text vorlesen; die Fertigkeiten an der Werkbank lassen sich über eine kleine praktische Aufgabe erfassen.


Bildrechte Titelbild: Bayerische Blumenzentrale GmbH

Geflüchtete einstellen: So gelingt der Einstieg!

– von Constantin Bräunig

Gut 1,4 Millionen Menschen sind allein in den Jahren 2015-2017 nach Deutschland geflohen. Viele von ihnen werden in ihre Heimat zurückkehren, viele aber auch bleiben. Sie zu integrieren ist eine große Herausforderung für das Land, aber auch eine Chance – insbesondere für die Wirtschaft. Bei entsprechender Förderung stehen Geflüchtete als Arbeitskräfte für den Wirtschaftsstandort Deutschland zur Verfügung und können ein Baustein sein, den Mangel an Fachkräften zu reduzieren. Jedoch ist die Beschäftigung von Geflüchteten oft mit Hürden und Herausforderungen verbunden.

Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge bietet deshalb interessierten Unternehmen kostenlos Beratung, Unterstützung und praktische Lösungsansätze, um diese Herausforderungen zu meistern. Mehr zu der Initiative von Bundeswirtschaftsministerium und Deutschem Industrie- und Handelskammertag finden hier.

In unserem ersten Beitrag soll es vor allem um die Fragen gehen, die sich ganz zu Beginn einer möglichen Beschäftigung von Geflüchteten stellen:

  • Wie sehen die juristischen Rahmenbedingungen aus?
  • Wie komme ich mit Geflüchteten in Kontakt?
  • Wie kann ich auch ohne formale Qualifikationen einschätzen, welche Kompetenzen Geflüchtete mitbringen?

Wer darf in Deutschland arbeiten?

Ob eine geflüchtete Person in Deutschland arbeiten darf, hängt in erster Linie vom Aufenthaltsstatus ab. Generell gilt:

Schutzberechtigte Personen – also Geflüchtete, über deren Asylantrag positiv entschieden wurde und die einen Aufenthaltstitel erhalten haben – dürfen für die Gültigkeitsdauer ihrer Aufenthaltserlaubnis uneingeschränkt beschäftigt werden.

Auch bei Asylbewerbern und Asylbewerberinnen, über deren Asylantrag noch nicht entschieden wurde (sie besitzen die sogenannte Aufenthaltsgestattung), oder bei Geduldeten, bei denen nach einem negativen Bescheid die Abschiebung ausgesetzt wird, ist eine Beschäftigung möglich. Hier muss allerdings die Ausländerbehörde zustimmen. Den Antrag auf Beschäftigungserlaubnis müssen Geflüchtete selbst bei der Ausländerbehörde stellen.

Es gibt auch eine Gruppe an Geflüchteten, die nicht beschäftigt werden dürfen: Dies betrifft diejenigen, die noch keine drei Monate in Deutschland registriert sind, die eine Aufforderung zur Ausreise erhalten haben. Auch Personen aus sicheren Herkunftsstaaten, die ihren Asylantrag nach dem 31. August 2015 gestellt haben, können nicht beschäftigt werden. Weitere Informationen dazu finden Sie hier und hier.

Klicken Sie auf das Bild, um eine vergrößerte Version anzuzeigen.

Wer hilft bei der Kontaktaufnahme?

Bei der Kontaktaufnahme zu Geflüchteten helfen die Bundesagentur für Arbeit und das Jobcenter sowie die Willkommenslotsen.

Die Bundesagentur für Arbeit bietet über den Arbeitgeberservice eine Kontaktstelle für Unternehmen. In vielen Arbeitsagenturen wurde zudem ein Team Asyl eingerichtet, das Ihnen beratend zur Seite steht. Liegt eine Aufenthaltsgenehmigung vor, wechselt die Zuständigkeit und das Jobcenter steht als Ansprechpartner für Sie als Unternehmer zu Verfügung.

Die Willkommenslotsen beraten Unternehmen in allen praktischen Fragen der betrieblichen Integration von Flüchtlingen – dazu gehört es auch, bei der Besetzung von offenen Ausbildungs-, Praktikums- und Arbeitsstellen mit geeigneten Flüchtlingen zu helfen. Die Willkommenslotsen unterstützen Sie beispielsweise dabei, Anforderungsprofile für die jeweilige Stelle zu erarbeiten oder eine Vorauswahl passender Bewerberinnen und Bewerber aus dem Kreis der Geflüchteten zu treffen.

Darüber hinaus gibt es viele digitale Plattformen, auf denen sich interessierte Unternehmen und motivierte Geflüchtete finden können.

Alles dazu und viele weitere Links finden Sie hier.

Wie kann ich die Kompetenzen einschätzen?

Oftmals ist es schwierig, einzuschätzen, welche Kompetenzen die Geflüchteten mitbringen, da es in ihren Heimatländern kein vergleichbares Ausbildungssystem wie in Deutschland gibt. Dennoch gibt es Möglichkeiten, diese Kompetenzen zu erkennen.

Mit der Registrierung in Deutschland sind Geflüchtete für den Bereich Arbeitsförderung in der Obhut der Agentur für Arbeit. Dort wird ein erster grundlegender Lebenslauf erstellt. Dieser wird nach einem positiven Bescheid der Aufenthaltserlaubnis in der Regel durch das Jobcenter erweitert. Dann haben Geflüchtete formal den gleichen Zugang zu Arbeitsförderungsmaßnahmen wie Arbeitslose ohne Migrationshintergrund.

Daneben bietet eine Reihe an Dienstleistern sogenannte Kompetenztests an, die spezifische Kompetenzen abfragen.

Viele unserer Mitglieder haben auch die Erfahrung gemacht, dass sie in Vorstellungsgesprächen vermehrt auf „Soft Skills“ achten müssen, um festzustellen, was er oder sie in das Team einbringen können und welchen Beruf sie gerne ausüben oder erlernen möchten.

Weitere Informationen zum Feststellen von Kompetenzen finden Sie hier.


Constantin Bräunig ist Referent im NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge.

Bildrechte: NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge

 

 

 

 

Neue Themenreihe: Beschäftigung Geflüchteter

Die meisten Anträge auf Berufsanerkennung stammen von Fachkräften aus unseren europäischen Nachbarländern. In den vergangenen Jahren ist aber auch der Anteil der Geflüchteten unter den ausländischen Arbeitnehmern deutlich gestiegen.

In Zusammenarbeit mit unseren Partnern vom NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge wollen wir uns in unserer neuen Themenreihe deshalb mit der Frage befassen, welche Besonderheiten es bei der Beschäftigung Geflüchteter für Unternehmen gibt:

  • Wie können Unternehmen mit Geflüchteten in Kontakt kommen?
  • Wie können Unternehmen die Kompetenzen Geflüchteter einschätzen?
  • Welche Fördermöglichkeiten gibt es für Unternehmen und Geflüchtete?
  • Welche Hilfestellungen gibt es für Unternehmen im Alltag?

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter, lassen Sie sich inspirieren, und diskutieren Sie mit uns über Ihre Erfahrungen und Ideen – wir freuen uns auf Sie!

Was war 2017? Was kommt 2018? Jahresrückblick und -vorschau von »Unternehmen Berufsanerkennung«

Das Jahresende ist stets ein guter Anlass, um zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. Durch die politische Brille betrachtet, mag die Jahresbewertung nicht ganz so gut ausfallen, aus der Warte von „Unternehmen Berufserkennung“ war 2017 jedoch ein so erfreuliches wie erfolgreiches Jahr, das Lust macht auf das Kommende.

Im Rückblick haben wir die Highlights des Jahres für Sie zusammengefasst. Dazu zählen unter anderem der Unternehmenspreis „Wir für Anerkennung“ und die Wanderausstellung „Unternehmen Berufsanerkennung“. Beides werden wir im kommenden Jahr fortführen bzw. neu auflegen.

Was noch ansteht im dritten Projektjahr erfahren Sie in unserem Ausblick.

Was war? Unser Rückblick auf 2017

Zu Beginn des Jahres 2017 ging der Unternehmenswegweiser online. Er führt Sie auf der Suche nach Fachkräften aus dem Ausland zu den passenden Unterstützungsangeboten.

Anschließend haben wir die berufliche Anerkennung für Sie ins Bewegtbild gesetzt: In vier Kurzfilmen und einem Animationsfilm erzählen Unternehmen und Fachkräfte den Weg von der Erstberatung über die Qualifikationsanalyse und Anpassungsqualifizierung bis zur vollen Anerkennung.

Kaum waren die Geschichten im Kasten, ging es weiter mit dem Unternehmenspreis »Wir für Anerkennung«, dessen vier Preisträger im Juni 2017 von Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka und den Präsidenten der beiden deutschen Wirtschaftsverbände Dr. Eric Schweitzer (DIHK) Hans Peter Wollseifer (ZDH) gewürdigt wurden.

Am Tag der Preisverleihung wurde zudem die Ausstellung »Unternehmen Berufsanerkennung« eröffnet, die seither durch Deutschlands Kammerwelt tourt.

Parallel zu all diesen Aktivitäten haben wir Unternehmen telefonisch über die Möglichkeiten und Chancen der beruflichen Anerkennung informiert.

Was wird? Ein Ausblick auf 2018

Blickt man auf das neue Jahr, tauchen viele Fragen auf: Wer wird die Regierungsgeschäfte übernehmen? Wie werden die Ministerien zugeschnitten und die politische Agenda aussehen?

Für »Unternehmen Berufsanerkennung« sieht die Lage deutlich klarer aus.

Besonders freut uns, dass das BMBF, der DIHK und ZDH auch 2018 Betriebe und Organisationen für ihr Engagement im Bereich der beruflichen Anerkennung würdigen wollen und den Unternehmenspreis »Wir für Anerkennung« erneut ausloben.

Die Wanderausstellung wird 2018 in vielen weiteren Kammerregionen zu sehen sein und unser Webinarprogramm hält auch im kommenden Jahr wieder viele spannende Themen für Sie bereit.

Auf unserem Blog, auf Twitter und auf Facebook werden wir weiterhin über die Chancen und Möglichkeiten der beruflichen Anerkennung erzählen und sicher wird es auch noch die ein oder andere Überraschung geben – für Sie und für uns.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

Ein Gewinn für beide Seiten: Wie Unternehmen und Fachkräfte von der Anpassungsqualifizierung profitieren

Für viele Anerkennungssuchende ist die Anpassungsqualifizierung ein zentraler Schritt, um die volle Gleichwertigkeit ihres ausländischen Berufsabschlusses mit dem deutschen Referenzberuf zu erlangen. Warum in der Anpassungsqualifizierung aber auch große Chancen für Unternehmen liegen, erläutern Arne Hirschner von IHK Hannover und Frank Bixler von der Handwerkskammer der Pfalz im Interview mit »Unternehmen Berufsanerkennung«.

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Unternehmen Berufsanerkennung: Herr Bixler, Herr Hirschner, was genau ist eine Anpassungsqualifizierung und welchen Zweck erfüllt sie in der beruflichen Anerkennung?

Bixler: Allgemein bezeichnet der Begriff der Anpassungsqualifizierung ja eine Maßnahme, bei der einer Person Kenntnisse und Kompetenzen vermittelt werden, die sie braucht, um den Anforderungen des aktuellen Arbeitsmarktes zu entsprechen. Im konkreten Kontext der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse sind damit Maßnahmen gemeint, die wesentliche Unterschiede zwischen einer ausländischen Qualifikation und dem deutschen Referenzberuf ausgleichen soll.

Hirschner: Richtig. Die Anpassungsqualifizierung kommt immer dann ins Spiel, wenn eine Fachkraft mit ausländischem Abschluss bereits ein Anerkennungsverfahren durchlaufen hat und – aufgrund wesentlicher Unterschiede zum deutschen Berufsbild – nur eine teilweise Gleichwertigkeit beschieden bekommen hat. Die Maßnahme dient dann dazu, die Lücken zur vollen Gleichwertigkeit zu schließen.

Rund jede/r sechste Anerkennungssuchende in Deutschland besucht eine Anpassungsqualifizierung (Quelle: BMBF).

Unternehmen Berufsanerkennung: Nun können aber ja die Unterschiede zwischen dem ausländischen Abschluss und dem deutschen Referenzberuf sehr individuell sein, gerade weil in das Anerkennungsverfahren beispielsweise auch die persönliche Berufserfahrung einfließt. Heißt das, dass die Anpassungsqualifizierung ebenso individuell ist?

Hirschner: Ja, genau. Bei einer Anpassungsqualifizierung handelt es sich immer um eine individuelle, passgenaue Qualifizierung im Anschluss an ein Anerkennungsverfahren. Wie genau sie ausgestaltet ist, bemisst sich daran, welche Fertigkeiten und Kompetenzen eine Person noch erwerben muss, um eine volle Gleichwertigkeit zu erhalten. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Anpassungsqualifizierung kann man einen Folgeantrag bei der zuständigen Stelle einreichen. Diese prüft dann, ob die wesentlichen Unterschiede ausgeglichen wurden und bescheinigt gegebenenfalls eine volle Gleichwertigkeit.

Bixler: …und genau weil die Anforderungen an eine Anpassungsqualifizierung so individuell sind, ist es besonders wichtig, dass sehr genau hingeschaut wird, was die konkrete Person benötigt. Das hängt nicht nur davon ab, über welchen ausländischen Berufsabschluss die Person verfügt und auf welche Erwerbsbiografie sie bereits zurückblicken kann, sondern auch vom sozialen und geografischen Umfeld der Person. Wir empfehlen deshalb grundsätzlich, bei der Wahl einer geeigneten Anpassungsqualifizierung die Hilfe einer Beratungsstelle in Anspruch zu nehmen, beispielsweise bei der Kammer vor Ort.

Unternehmen Berufsanerkennung: Wie muss man sich denn eine Anpassungsqualifizierung vorstellen und in welchem Rahmen findet sie statt?  

Bixler: Auch das ist von Einzelfall zu Einzelfall unterschiedlich. Grundsätzlich lassen sich aber zwei Formen von Qualifizierungsmaßnahmen unterscheiden: Betriebliche und überbetriebliche. Überbetriebliche Maßnahmen können zum Beispiel Weiterbildungskurse bei verschiedenen Trägern sein. Welche Träger da in Frage kommen, hängt vom jeweiligen Berufsbild ab. Oftmals kommen auch Unterweisungen in einer überbetrieblichen Lehrwerkstatt in Frage. Und manchmal ist auch eine Kombination verschiedener Maßnahmen – betrieblich und überbetrieblich – nötig, um dem individuellen Qualifizierungsbedarf einer Person gerecht zu werden.

Für viele Unternehmen ist die Anpassungsqualifizeriung eine Chance, neue Fachkräfte zu gewinnen…

Hirschner: Ein häufiges Beispiel für eine betriebliche Anpassungsqualifizierung sind Praktika. Besser ist es natürlich, wenn die Anpassungsqualifizierung mit einem festen Arbeitsverhältnis einhergeht: Wenn bereits ein Arbeitsverhältnis besteht, können die Maßnahmen oft einfach in den regulären Arbeitsalltag integriert werden. Bei einem Neueinstieg kann man beispielsweise die Einarbeitungszeit verlängern und dann in dem Rahmen nachqualifizieren.

Unternehmen Berufsanerkennung: Welche Chance bietet die Anpassungsqualifizierung für Unternehmen?

Hirschner: Der demografische Wandel führt bereits heute in bestimmten Branchen zu einem Mangel an qualifizierten Fachkräften, etwa bei den Berufen mit technischem Knowhow. Unternehmen sind deshalb gut beraten, zusätzliches Fachkräftepotenzial von Inhabern ausländischer Berufsabschlüsse zur Deckung des eigenen Qualifikationsbedarfs zu nutzen. Über eine Anpassungsqualifizierung können sie sich von ihrem Potenzial überzeugen und gleichzeitig auch einen Bindungsanreiz schaffen. Manche Betriebe ermöglichen Anpassungsqualifizierungen auch, um mit der resultierenden Anerkennung des Berufsabschlusses spezifische Auflagen beispielsweise öffentlicher Auftraggeber zu erfüllen oder um Kunden einen gewissen Qualitätsstandard zu signalisieren.

Ich kann Betrieben nur empfehlen offen zu sein und den Anerkennungssuchenden eine Chance zu geben, ihre Fähigkeiten zu zeigen und sich weiterzuentwickeln. Oft werden sie über viele Jahre mit einer sehr motivierten und loyalen Fachkraft belohnt.

Bixler: Die Situation der Fachkräfteengpässe wird sich mit Fortschreiten des demografischen Wandels in den kommenden Jahren ja auch noch weiter zuspitzen. Insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen wird es zukünftig schwerfallen, ihren Bedarf an fachlich gut ausgebildeten Arbeitskräften zu decken. Wie Herr Hirschner schon sagte: Umso wichtiger wird es für Unternehmen sein, wo immer es geht vorhandene Fachkräftepotenziale nutzbar zu machen. Die Anpassungsqualifizierung ist da ein sehr gutes Mittel, insbesondere, wenn sie im eigenen Betrieb durchgeführt wird. Dadurch vermindern sich nämlich die Ausfallzeiten für außerbetriebliche Weiterbildungen sowie die Qualifizierungskosten. Ebenso kann der zeitliche Rahmen der Qualifizierung individueller auf betriebliche Abläufe angepasst werden.

Unternehmen Berufsanerkennung: Mit welchen Aufwänden ist die Anpassungsqualifizierung für Unternehmen verbunden?

…oder bestehende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Betrieb zu binden.

Bixler: Einfach formuliert kann man sagen: Der Aufwand einer betrieblichen Anpassungsqualifizierung entspricht zeitlich und personell der praktischen Vermittlung der jeweiligen Ausbildungsinhalte in der klassischen Berufsausbildung. Es ist nach unserer Erfahrung für beide Seiten sinnvoll – ähnlich wie bei einer Einstiegsqualifizierung – einen Qualifizierungsvertrag mit festgelegten Qualifizierungsbausteinen zu erstellen und beiderseitig verbindlich zu unterzeichnen.

Hirschner: Für Unternehmen ist dabei sicherlich der Anerkennungsbescheid eine große Hilfe. Er enthält ja nicht nur Informationen zur Dauer und zu den Inhalten einer ausländischen Ausbildung, sondern auch Angaben dazu, mit welchem deutschen Beruf der ausländische Abschluss vergleichbar ist. Damit haben Unternehmen dann einen Bezugsrahmen, den sie kennen. Bei einer teilweisen Gleichwertigkeit werden darüber hinaus die festgestellten Unterschiede im Anerkennungsbescheid aufgeführt. Wir in der IHK Hannover gehen sogar noch ein Stück weiter und listen die erforderlichen Inhalte in einem zusätzlichen Begleitschreiben zur Anpassungsqualifizierung detailliert auf. Mit all diesen Informationen können sich Unternehmen sehr schnell ein Bild davon machen, welcher zeitliche und personelle Aufwand mit einer Anpassungsqualifizierung verbunden ist.

Unternehmen Berufsanerkennung: Gibt es bestimmte Voraussetzungen, die Unternehmen erfüllen müssen, um eine Anpassungsqualifizierung im eigenen Betrieb zu ermöglichen? Muss der Betrieb zum Beispiel ein Ausbildungsbetrieb sein?

Hirschner: Inhaltliche Unterschiede zur ausländischen Ausbildung beziehen sich immer auf Lücken im Vergleich mit der aktuellen Ausbildungsordnung bzw. dem gültigen Rahmenlehrplan. Zum Ausgleich von inhaltlichen Unterschieden ist es deshalb – anders als bei fehlender Berufspraxis – sicherlich hilfreich, wenn die Anpassungsqualifizierung in einem Ausbildungsbetrieb absolviert wird.

Bixler: Damit die Anpassungsqualifizierung erfolgreich ablaufen kann, muss der Betrieb natürlich die fehlenden bzw. zu vermittelnden Kenntnisse und Kompetenzen fachlich korrekt ausüben und auch vermitteln können. Vor dem Hintergrund ist es schon empfehlenswert, wenn der Betrieb ein Ausbildungsbetrieb ist – zwingend erforderlich ist das aber nicht.

Hirschner: Viele Betriebe bewegt auch das Thema Vergütung während der Anpassungsqualifizierung. Nach Auslegung des Bundesarbeitsministeriums werden betriebliche Anpassungsqualifizierungen im Kontext des Anerkennungsgesetzes als Pflichtpraktika gewertet und sind damit grundsätzlich von der Mindestlohnpflicht ausgenommen. Voraussetzung dafür ist, dass die Qualifizierung erforderlich ist, um die volle Anerkennung des ausländischen Abschlusses zu erreichen. Wir empfehlen unseren Betrieben sich bei diesem Thema an der Ausbildungsvergütung im dritten Ausbildungsjahr zu orientieren. Schließlich bringen Bewerber mit einer Teilanerkennung meist schon eine ganze Menge an Wissen mit.

Unternehmen Berufsanerkennung: Herr Bixler, Herr Hirschner, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Frank Bixler ist Teamleiter Projekte im Geschäftsbereich Berufsbildung bei der Handwerkskammer der Pfalz.

Arne Hirschner ist bei der IHK Hannover zuständig für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.

 

Themenreihe: Wie Unternehmen von der Anpassungsqualifizierung profitieren können

»Es ist schwer geworden, qualifizierte Auszubildende zu finden. [Im Bereich der beruflichen Anerkennung] gibt es einen Markt mit motivierten Personen, die schon über eine Grundqualifikation verfügen und ‚hungrig‘ danach sind, noch viel dazuzulernen. Die Anpassungsqualifizierung ist quasi eine Ausbildung im Schnellverfahren.«

Angelika Hemm, Personalleiterin im Le Meridién Grand Hotel Nürnberg

Vielen Fachkräfte, die ihren ausländischen Berufsabschluss in Deutschland anerkennen lassen, wird die volle Gleichwertigkeit ihrer Qualifikation mit dem deutschen Vergleichsberuf bescheinigt.¹ Ein kleinerer Teil erhält einen Bescheid über eine teilweise Gleichwertigkeit: Ihre ausländische Qualifikation weist wesentliche Unterschiede zum deutschen Berufsbild auf.

Ist das problematisch? Im Gegenteil. Die betroffenen Fachkräfte können die fehlenden Kenntnisse, Fertigkeiten bzw. Fähigkeiten nämlich im Rahmen einer sogenannten Anpassungsqualifizierung ausgleichen. Manchmal lernen sie dabei gleich ihren zukünftigen Arbeitgeber kennen – und dieser, wie das Le Meridién Grand Hotel Nürnberg, eine neue Mitarbeiterin bzw. einen neuen Mitarbeiter.

Wie genau läuft eine Anpassungsqualifizierung ab? Und warum und wie kann es sich für Unternehmen lohnen, Anpassungsqualifizierungen im eigenen Betrieb anzubieten? Um diese und weitere Fragen dreht sich unsere neue Themenreihe, in der Expertinnen und Experten aus der Anerkennungsberatung ebenso zu Wort kommen wie Unternehmen, die bereits positive Erfahrungen mit der Anpassungsqualifizierung gemacht haben.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!


¹Quelle: BIBB

Von gegenseitigem Respekt und verdienter Anerkennung

Kfz-Handwerk – das sind nicht nur die Glaspaläste der großen Autohäuser, die die Einfallsstraßen vieler deutscher Großstädte säumen. Es geht auch eine Nummer kleiner. Die Tankstelle mit Reparaturwerkstatt auf dem Land oder der kleine Kfz-Betrieb zu Hause um die Ecke. Oftmals wird in diesen freien Werkstätten noch das klassische Kfz-Handwerk gelebt, wird nicht nur ausgetauscht, sondern wenn möglich repariert. So wie bei Monika und Hartmut Henning im bergischen Velbert.

– aus der „Werkstatt 2017“, Handwerkskammer Düsseldorf

Der siebzigjährige Kfz-Meister und seine Frau führen hier seit vielen Jahren ihr eigenes Geschäft, den „Kfz-Meisterbetrieb Monika Henning“. Beide in einem Alter, in dem andere sich längst aus dem Arbeitsleben verabschiedet haben, sind die Hennings auch weiterhin für ihre Stammkunden da.

Aufhören kommt für Hartmut Henning aber nicht in Frage! Seit über 40 Jahren ist er im Beruf, und das immer noch voller Begeisterung. In seinem langen Berufsleben hat er nicht nur Kraftfahrzeuge aller Art, sondern auch Mitarbeiter unterschiedlichster Couleur kennengelernt. Er weiß daher, wie schwer es ist, gute Gesellen zu finden, die auch die nötige Motivation mitbringen. Zu oft fehle ihm bei den jungen Leuten die Leidenschaft für den Beruf, so Henning.

Gesucht: Mitarbeiter mit „Rundum-Kenntnissen“

Das Glück des Tüchtigen: Mit viel Eigeninitiative fand Hossein Gohari in Deutschland schnell eine Arbeitsstelle in seinem erlernten Beruf.

Lange war Kfz-Meister Hartmut Henning deshalb schon auf der Suche nach einem passenden Mitarbeiter für den kleinen Betrieb. Durch seine jahrzehntelange Berufserfahrung kann er die verschiedensten handwerklichen Dienstleistungen für alle Arten von Kraftfahrzeugen anbieten. Daher wünschte er sich als Unterstützung eine Fachkraft, die ebenfalls über sehr breite Kenntnisse und Fertigkeiten verfügt. Genau dieses anspruchsvolle Anforderungsprofil hatte er im Hinterkopf, als sich vor gut eineinhalb Jahren ein junger Mann aus dem Iran bei ihm vorstellte und in gebrochenem Deutsch nach einer Anstellung als Kfz-Mechatroniker fragte.

Hossein Moshaadaeh Gohari ist zu diesem Zeitpunkt erst seit gut zwei Wochen in Deutschland. Der Liebe wegen hatte es ihn ins Bergische verschlagen. Die Familie seiner Frau lebt in Velbert. Nun will er unbedingt arbeiten. Und das in seinem erlernten Beruf und nicht als Hilfsarbeiter in der Fabrik, wie ihm dies die örtliche Arbeitsagentur vorschlug. Auf eigene Faust beginnt er, sich bei den Kfz-Werkstätten in der Umgebung persönlich vorzustellen und seine Bewerbungsunterlagen zu verteilen – so auch beim Kfz-Meisterbetrieb Monika Henning. Hier erkannte man schnell das Potential des jungen Iraners.

Ein Bewerber mit viel Eigeninitiative

Die Bewerbungsunterlagen und der vielseitige berufliche Lebenslauf des 28-Jährigen weckten sofort das Interesse des erfahrenen Kfz-Meisters. Dieser positive erste Eindruck bestätigte sich bei einem Probearbeitstag. Um die iranische Fachkraft noch besser kennenzulernen, bot Hartmut Henning ihm nun ein zweiwöchiges Praktikum an.

Monika Hennings anfängliche Zweifel, wie das mit so geringen Sprachkenntnissen in der Werkstatt funktionieren könnte, stellten sich schnell als unbegründet heraus. Die Verständigung klappte mit Händen und Füßen, und die Deutschkenntnisse wurden von Tag zu Tag besser. Und was noch wichtiger war: Sowohl fachlich als auch auf der menschlichen Ebene überzeugte der junge Migrant seinen deutschen Arbeitgeber voll und ganz. Nach zwei Wochen stand deshalb fest, dass er der gesuchte neue Mitarbeiter ist: „Hossein Gohari bringt das Wissen und all die Eigenschaften mit, die ich mir von einem Mitarbeiter immer gewünscht habe. Er ist nett, immer höflich, hat noch keinen Tag gefehlt und beherrscht vor allem noch das Reparieren.“

Chefin Monika Henning ist zufrieden: Ihr Kfz-Meisterbetrieb hat mit Hossein Gohari den idealen Mitarbeiter gefunden.

Auch Monika Henning ist voll des Lobes für den zurückhaltenden und sympathischen jungen Kfz-Fachmann. Dass man sich gut versteht, ist gerade für eine kleine Werkstatt wichtig, die in erster Linie von ihrer Stammkundschaft und Mund-zu-Mund-Propaganda lebt. Und wer Verkaufsraum oder Werkstatt betritt, merkt das sofort. Im Iran geboren und aufgewachsen, absolvierte Hossein Gohari dort zunächst drei Jahre die technische Oberschule und besuchte dann zwei Jahre lang eine technische Berufsfachschule. Damit verfügte er über ein breites – insbesondere theoretisches – Wissen im Bereich Kfz-Mechatronik. Die praktische Berufserfahrung erlangte er vor allem über seine Arbeit bei Vertragswerkstätten von Peugeot, Hyundai und KIA Motors im Iran.

Vor vier Jahren verließ Hossein Gohari seine Heimat, um im Ausland Berufserfahrungen zu sammeln. Sein Weg führte ihn in die Ukraine, wo er bei einer Toyota-Vertragswerkstatt tätig war. Hier lernte er seine Frau kennen, mit der er dann nach Deutschland kam. Auch in der neuen Heimat war es von Beginn an seine oberste Priorität, wieder als Kfz-Mechatroniker zu arbeiten. Schon während Hossein Gohari sein Praktikum im Betrieb machte, erkundigte sich Hartmut Henning nach einer Möglichkeit, dessen iranische Berufsabschlüsse anerkennen zu lassen. Für den Kfz-Meister war es wichtig, eine offizielle Bestätigung zu haben, dass die Qualifikationen seines neuen Mitarbeiters den deutschen Anforderungen an einen Kfz-Mechatroniker auf Gesellenebene entsprechen. Er wandte sich deshalb an die Kreishandwerkerschaft Mettmann, um zu erfahren, wer der richtige Ansprechpartner für ihn sei. Diese verwies ihn an die Handwerkskammer Düsseldorf, seit Inkrafttreten des sogenannten „Anerkennungsgesetzes“ Anfang 2012 zuständige Stelle für Anerkennungsverfahren. Seinen Mitarbeiter motivierte der Kfz-Meister daraufhin, einen Antrag zu stellen, und rüstete ihn gleich mit einem ausführlichen Arbeitszeugnis aus.

Volle Gleichwertigkeit

Von seinem Geburtsort Teheran führte den jungen Iraner sein Weg über die Ukraine ins bergische Velbert.

Der Iraner nahm den Ball auf und stellte bei der Handwerkskammer Düsseldorf eigenständig einen Antrag auf Anerkennung seiner Berufsabschlüsse. Begleitet und unterstützt von der Anerkennungsberatung der Kammer, verlief das Verfahren unkompliziert, und Hossein Gohari wurde nach kurzer Zeit die „volle Gleichwertigkeit“ seiner fachlichen Kenntnisse mit dem deutschen Gesellenbrief bescheinigt. Die volle Anerkennung seiner iranischen Berufsqualifikationen zu erhalten, war nicht nur für Gohari selbst eine wichtige Bestätigung. Auch Hartmut Henning resümiert: „Ich würde das Anerkennungsverfahren jedem Betrieb, der Mitarbeiter hat oder Bewerber einstellen möchte, die ihre Berufsausbildung im Ausland durchlaufen haben, uneingeschränkt weiterempfehlen.“

Das Anerkennungsverfahren verschafft sowohl Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern Klarheit darüber, wie die ausländischen Qualifikationen zu bewerten sind. Läuft es optimal, wie im Fall von Hossein Gohari, liegen die Vorteile für alle Seiten auf der Hand: Festanstellung mit der Sicherheit eines qualifizierten Abschlusses, Weiterbildungs- und Aufstiegsperspektiven für den Arbeitnehmer, Fachkräfte- und Nachwuchssicherung für den Unternehmer. Der Kfz-Meister aus Velbert jedenfalls ist hochzufrieden mit seiner neuen Fachkraft und unterstützt ihn daher auch beim nächsten Schritt, der nach der Anerkennung nun möglich ist: die Fortbildung zum Meister.

Voller Tatendrang besucht Hossein Gohari seit Januar 2017 die Meisterschule in Abendform und arbeitet natürlich auch weiter hart an seinen Deutschkenntnissen.


Titelbild: Hossein Moshaadaeh Gohari in der Werkstatt des Kfz-Meisterbetriebs Monika Henning.

Bildrechte (alle Bilder): Handwerkskammer Düsseldorf

In 4 Schritten verborgene Fachkräftepotenziale heben

In vielen Betrieben „schlummern“ verborgene Fachkräftepotenziale: Beschäftigte, die im Ausland eine Berufsausbildung absolviert, sie aber bisher nicht anerkennen lassen haben. Wir zeigen Ihnen, wie Sie diese „verborgenen Schätze“ in 4 einfachen Schritten heben können.

Schritt 1: Bestandsaufnahme machen

Sie vermuten, dass der ein oder die andere Ihrer Mitarbeitenden über einen bisher nicht anerkannten ausländischen Berufsabschluss verfügt? Dann lohnt sich im ersten Schritt ein Blick in die Personalakte. Oft finden sich hier bereits entsprechende Qualifikationsnachweise.

Es kommt jedoch auch vor, dass Mitarbeitende bei ihrer Bewerbung nicht alle Qualifikationsnachweise einreichen, z.B. weil sie denken, dass ihr fremdsprachiges Zeugnis in Deutschland wertlos sei. Fragen Sie die Person in einem persönlichen Gespräch direkt nach möglichen Qualifikationen.

 

Schritt 2: Vorbereitungen treffen

Wenn eine Mitarbeiterin bzw. ein Mitarbeiter über nicht anerkannte ausländischen Berufsqualifikationen verfügt  und Sie sich vorstellen können, sie als anerkannte Fachkraft in ihrem Beruf zu beschäftigen, stellen sich folgende Fragen:

  • Wie funktioniert die berufliche Anerkennung?
  • Wer ist zuständig?
  • Wie lange dauert das Verfahren und was kostet es?
  • Welche Dokumente und Nachweise werden benötigt?

Hierbei können Ihnen unsere Informationsbroschüren für Handwerks– und für IHK-Betriebe helfen.

Es ist außerdem sinnvoll, sich schon im Vorfeld des Gespräches Gedanken darüber zu machen, ob und wie Sie die Person im Rahmen der Berufsanerkennung unterstützen möchten bzw. können (z.B. Freistellung, Begleitung zu Terminen, Finanzierungshilfe).

Schritt 3: Das Gespräch suchen

Wenn diese Fragen geklärt sind, ist es Zeit, das direkte Gespräch mit der Person zu suchen. Darin sollten Sie einerseits vermitteln, welche Ziele Sie selbst mit der beruflichen Anerkennung verbinden (z.B. Einsatz als qualifizierte Fachkraft), andererseits aber auch verdeutlichen, welche Chancen das für Ihren Mitarbeiter bzw. Ihre Mitarbeitern bietet (z.B. neue, verantwortungsvollere Tätigkeiten, eine bessere Bezahlung und/oder Aufstiegsperspektiven). Fragen Sie auch nach den Erwartungen des Mitarbeitenden und machen Sie klar, welche Erwartungen Sie erfüllen können und welche nicht.

Es ist gut möglich, dass die Person im Gespräch zum ersten Mal von der Berufsanerkennung hört. Vielleicht hat sie direkt ein „Prüfungsszenario“ im Kopf und reagiert im ersten Moment eher zurückhaltend. Darum signalisieren Sie am besten gleich Ihre Unterstützung, beispielsweise beim Ausfüllen von Formularen oder beim Zusammentragen von Unterlagen. So machen Sie deutlich, dass Sie Ihrer Mitarbeiterin bzw. ihrem Mitarbeiter im Anerkennungsverfahren zur Seite stehen.

4. Einen Erstberatungstermin vereinbaren

Nach dem Gespräch sollten Sie der Person erst einmal Gelegenheit haben, sich das Angebot durch den Kopf gehen lassen. Vereinbaren Sie am besten direkt ein Folgegespräch innerhalb der nächsten 14 Tage.

Willigt die Person im Folgegespräch ein, ihren Berufsabschluss anerkennen zu lassen, empfehlen wir Ihnen, einen gemeinsamen Termin bei einer sogenannten Anerkennungsberatung zu vereinbaren. Eine Übersicht über die verschiedenen Anbieter haben wir hier für Sie zusammengestellt.

Im Erstberatungstermin klären Sie, welche Unterlagen benötigt und die nächsten Schritte aussehen werden. Anschließend stellen Sie den Antrag und der Prozess beginnt. Die Fachleute der Beratungsstellen stehen Ihnen auch dann mit Rat und Tat zur Seite und helfen, Ihre Mitarbeiterin bzw. Ihren Mitarbeiter auf seinem Weg zur neuen Fachkraft in Ihrem Unternehmen zu begleiten.